Wie gefährlich und wie akut ist die aktuelle globale Energiekrise?

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Wer, so wie ich, die Lage auf den internationalen Energiemärkten auch nur oberflächlich verfolgt, war in den letzten Tag...

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Iran-Krieg

Wie gefährlich und wie akut ist die aktuelle globale Energiekrise?

Die Preise für Öl und Gas sind weltweit stark gestiegen, westliche Länder zapfen ihre Ölreserven an. Allerdings hat das nicht zur Beruhigung der Märkte geführt. Was ist tatsächlich los auf den Energiemärkten und wie akut ist die Gefahr einer echten Versorgungskrise?

Wer, so wie ich, die Lage auf den internationalen Energiemärkten auch nur oberflächlich verfolgt, war in den letzten Tagen ziemlich überrascht über die Erklärungen westlicher Politiker und Medien. So wurde uns das Anzapfen der nationalen Ölreserven als Maßnahme verkauft, die Einfluss auf die Öl- und damit die Benzinpreise haben soll, was aber nicht der Fall ist, da das Öl aus den Reserven ja nicht auf die Märkte geht, sondern in den Ländern bleibt, die die Reserve freigeben.

Es gab aber viele volle Tanker, die auf See kreuzten und auf gute Verkaufspreise warteten, daher gab es bisher auch keinen realen Mangel an Öl, denn die Tanker waren eine Art internationale Ölreserve, auf die jeder zugreifen konnte, der bereit war, den geforderten Preis zu zahlen.

Aber die Märkte reagieren nie rational, sondern emotional. Der Grund für die Preisralley der letzten zwei Wochen war kein akuter Mangel an Öl, sondern die Befürchtung, dass es in naher Zukunft zu einem Mangel kommen könnte. Da hatte das Signal des Westens, die nationalen Reserven anzuzapfen für die Händler eher die gegenteilige Wirkung, denn die verstanden die Maßnahme so, dass der Westen sich auf einen längeren Ausfall der Öllieferungen aus dem Persische Golf einstellt, womit die Händler natürlich nicht auf bald sinkende Preise setzen werden.

Die Maßnahme war also de facto reiner Populismus, um die Wähler im Westen nach dem Motto „wir haben alles im Griff“ zu beruhigen. Aber die Wähler sehen vor allem die explodierten Benzinpreise, die sich davon nicht beeindrucken lassen und die weitaus stärker gestiegen sind, als die weltweiten Ölpreise, weil die Tankstellen-Konzerne schnelle Gewinne machen und die Schuld für die hohen Benzinpreise den internationalen Märkten zuschieben wollen.

Ein russischer Experte hat für die TASS einen sehr interessanten Artikel über die tatsächliche Lage auf den internationalen Ölmärkten und die tatsächlich kurzfristig lauernden Gefahren geschrieben, den ich übersetzt habe.

Beginn der Übersetzung:

Konkurrenz um Energieträger: Ist die Panik an Tankstellen in den USA und Europa gerechtfertigt?

Igor Juschkow, Experte der Finanzuniversität und des Nationalen Energiesicherheitsfonds, darüber, warum nicht die Ereignisse im Nahen Osten den starken Anstieg der Öl- und Gaspreise verursacht haben und warum man sich jetzt nicht zurücklehnen darf.

Die zweite Woche des militärischen Konflikts im Iran und die damit einhergehende Schließung der Straße von Hormus geht zu Ende. Nachrichtenagenturen berichten über die sichtbaren Folgen der Krise: Die Länder des Persischen Golfs drosseln ihre Produktion, die Ölpreise haben sich bei rund 100 US-Dollar pro Barrel stabilisiert und die USA haben sogar begonnen, die Sanktionen gegen russisches Öl auszusetzen. Die Auswirkungen der aktuellen Ereignisse auf die Welt sind jedoch sehr unterschiedlich und führen zu wachsender Konkurrenz.

Die aktuellen Ereignisse sind bereits als vollwertige globale Energiekrise in die Geschichte eingegangen

Man kann das nur mit den Ereignissen von 1973 vergleichen (als arabische Länder ein Ölembargo gegen Israels Verbündete verhängten) sowie mit dem Rückgang der iranischen Ölexporte nach der Islamischen Revolution von 1979.

Allerdings wirkten diese Krisen schneller und schockierender. Die Ölknappheit 1973 schlug beispielsweise sofort auf die Endverbraucher durch. An Tankstellen in den USA und anderen Ländern wurden Beschränkungen von maximal 10 Gallonen pro Fahrzeug und so weiter eingeführt. Ein Foto einer Pferdekutsche, aufgenommen in Europa in jenen Jahren, verdeutlicht die Krise eindrücklich.

Solche Phänomene sehen wir heute (noch) nicht. Selbst Schlangen an Tankstellen in Europa und den USA sind selten. Sie treten nur vereinzelt auf, nicht etwa wegen Benzin- oder Dieselmangels, sondern wegen des Verhaltens der Autofahrer selbst. Die Menschen sehen steigende Ölpreise und decken sich in Erwartung weiterer Preissteigerungen ein. Panik breitet sich schnell aus. Doch zu einem tatsächlichen Kraftstoffmangel ist es bisher nicht gekommen.

Trotzdem ist die aktuelle Schließung der Straße von Hormus ein noch mächtigeres Ereignis. Der Punkt ist, dass die Verbraucherländer 1973 und 1979 noch keine umfassenden strategischen Ölreserven aufgebaut hatten. Dieses System entstand erst als Reaktion auf die Krisen. Um eine Wiederholung der Knappheit zu verhindern, begannen die USA, europäische Länder und Japan mit dem Bau von Lagerstätten, um Öl für den Fall von Versorgungsengpässen zu speichern. Auch China hat im letzten Jahrzehnt aktiv strategische Lagerstätten errichtet und sich bemüht, sie in Zeiten niedriger Weltmarktpreise zu füllen. Peking hat insbesondere im COVID-19-Jahr 2020, als die Ölpreise auf extrem niedrige Werte fielen, massiv Öl gekauft. Diese Reserven bereits geförderten Öls wurden zum Absicherungsmechanismus, der die aktuelle Ölkrise abmildert.

Dabei ist die Angebotsknappheit auf dem Ölmarkt heute deutlich größer als in der Vergangenheit. 1973 verschwanden beispielsweise rund 10 Prozent des Öls vom Weltmarkt, aber infolge der aktuellen Schließung der Straße von Hormus sind es etwa 20 Prozent. Das deutet darauf hin, dass die gegenwärtigen Ereignisse noch mächtiger sind als ähnliche Krisen in der Vergangenheit.

Wir haben auf den Straßen noch keine stehengebliebenen Autos gesehen, weil die Verbraucher in den ersten Wochen nicht das im Persischen Golf festsitzende Öl, sondern die im Inland und in Tankern vor den Küsten asiatischer Länder gelagerten Rohölreserven aufgekauft haben. Im Januar und Februar, als die Preise niedrig waren, hielten die Verkäufer Öl an Bord von Schiffen, um es nicht billig an die Verbraucher verkaufen zu müssen. Nach der Schließung der Straße von Hormus begann dann ein massiver Ansturm auf dieses Öl. Doch bereits Ende der zweiten Krisenwoche versiegte diese Quelle, was sich im allmählich steigenden Preis des Rohöls widerspiegelte.

Man kann die von der aktuellen Energiekrise Betroffenen in zwei Gruppen einteilen

Die erste Gruppe umfasst die erdölverbrauchenden Länder. Das sind viele: die USA, die europäischen Länder, Indien, China, Japan und viele andere. Die USA stechen besonders hervor. Unter den steigenden Ölpreise leiden besonders die Regierung von Donald Trump und die Republikaner insgesamt, da sie die Kraftstoffkosten im Inland in die Höhe getrieben haben.

Steigen die Benzin- und Dieselpreise, machen die amerikanischen Bürger die Regierung dafür verantwortlich. Das Weiße Haus versucht, die Märkte zu beruhigen und die Preise zu senken. Da es jedoch nur über wenige wirksame Einflussmittel verfügt, greift es auf verbale Interventionen und andere symbolische Maßnahmen zurück. So kündigte beispielsweise US-Finanzminister Scott Bessent zunächst an, dass die US-Marine Tankerkonvois militärisch durch die Straße von Hormus eskortieren würde. Aber später zeigte sich, dass selbst US-Kriegsschiffe zögern, in die Straße einzufahren.

Dann kündigten die USA zusammen mit den G7-Staaten und Mitgliedern der Internationalen Energieagentur (IEA) an, rund 400 Millionen Barrel Öl aus ihren strategischen Reserven für den Markt freizugeben, davon sind 172 Millionen Barrel aus den USA. In der Praxis verkaufen diese Länder das Öl jedoch nicht. Stattdessen verbraucht jedes Land mit strategischen Reserven seine selbst. Der Markt hat auf diese Nachricht nicht mit einem Preisrückgang, sondern mit einem Anstieg auf 100 US-Dollar pro Barrel reagiert. Händler verstanden das so, dass sich die Verknappung verschärfe, da die Importländer auf Öl aus ihren strategischen Reserven umgestiegen waren. Zudem ist das Programm zur Nutzung dieses Öls auf mindestens mehrere Wochen ausgelegt, was bedeutet, dass die Sperrung der Straße von Hormus mindestens so lange andauern wird.

Der nächste Schritt der USA war das Aussetzen der Sanktionen gegen Russland. Am 12. März veröffentlichte das Office of Foreign Assets Control (OFAC) des US-Finanzministeriums eine Lizenz, die den Kauf von russischem Öl und Erdölprodukten genehmigte, sofern diese vor diesem Datum verladen wurden. Die Genehmigung gilt (vorerst?) für 30 Tage. Diese Nachricht beruhigte den Markt jedoch nicht, weil sie auch so interpretiert werden kann: Wenn Washington schon die Sanktionen gegen Russland ausgesetzt hat, muss die Lage tatsächlich ernst sein.

Die USA versuchen dem Markt zu zeigen, dass sie einen Aktionsplan haben und der Welt zusätzliches Öl geben. Angeblich hätte zuvor niemand russisches Öl gekauft, weshalb es in Tankern gelagert wurde, aber nun könne man es kaufen und es ersetze die Lieferungen aus dem Nahen Osten zumindest teilweise. Tatsächlich gab es in der Praxis aber kein Verbot für den Kauf von russischem Öl. Und selbst nach den verschiedenen US-Sanktionen hat Russland weder Produktion noch Exporte reduziert. Zwar gab es Schwankungen in den Mengen, die waren aber geringfügig und lassen sich eher durch den Ölpreis als durch die Auswirkungen der US-Maßnahmen erklären. Daher wird die aktuelle „Aufhebung der Sanktionen“ die Verknappung auf dem Ölmarkt nicht beseitigen und auch nicht zu einem Preisverfall führen.

Die zweite Gruppe betroffener Länder sind die Produzenten im Nahen Osten. Ihr Öl und Gas ist im Persischen Golf eingeschlossen. Um die Öl- und Gaspreise zu erhöhen, greift der Iran Ölanlagen in der Region an. Das verunsichert den Markt, denn nach wochenlangen Bombardierungen ist weiterhin unklar, wie viel die Golfstaaten nach der Öffnung der Straße von Hormus produzieren und exportieren können.

Am stärksten betroffen ist neben dem Iran selbst Katar. Die Ölproduzenten drosseln ihre Produktion schrittweise, indem sie im Golf festsitzende Tanker befüllen und Öl in Speicher pumpen. Katar hingegen musste die Gasproduktion abrupt einstellen. Das Land verfügt über keine unterirdischen Speicher und eine Verflüssigung ist sinnlos, da Methan dabei auf -162 Grad Celsius abgekühlt wird. Wenn man es nicht an die Verbraucher liefert, muss man Energie aufwenden, um die niedrige Temperatur konstant zu halten. Selbst nach der Freigabe der Straße von Hormus wird es etwa zwei Wochen dauern, bis die LNG-Anlagen wieder ihre volle Kapazität erreichen.

Während die Ölproduzenten Tanker sowohl aus der laufenden Produktion als auch aus den derzeit gefüllten Speichern beladen können, kann Katar neue Fördermengen nur verladen. Das bedeutet, dass es bei Katar nicht einfach um aufgeschobene Gewinne geht. Darüber hinaus werden auch die LNG-Anlagen der Teilnehmerin an dem Konflikt angegriffen, und ihre Reparatur könnte mehrere Monate dauern.

Die Gewinner bei den steigenden Energiepreise sind die Exportländer

Dazu gehören Norwegen, Brasilien, Mexiko, Guyana, Algerien, Aserbaidschan, Kasachstan, Russland, Nigeria und andere. Wir profitieren nicht nur von den steigenden Öl- und Gaspreisen, sondern auch vom geringeren Abschlag auf unsere Rohölsorten. Früher wurde russisches Urals-Rohöl (dessen Preis die Hauptgrundlage für die Berechnung der Mineralgewinnungssteuer auf Öl bildet) im Empfängerhafen mit einem Abschlag gegenüber Brent-Rohöl aus der Nordsee verkauft, jetzt wird es mit einem Aufschlag von 2 bis 4 US-Dollar pro Barrel gehandelt.

Natürlich entstehen uns weiterhin hohe Kosten für Transport und Versicherung des Öls, und wir müssen auch Zwischenhändler bezahlen. Doch allmählich haben sich die Urals-Preise über 59 US-Dollar pro Barrel stabilisiert, worauf der russische Haushalt berechnet ist. Außerdem ist allein die Tatsache des Einfrierens der anti-russischen Sanktionen wichtig (nicht wichtig, sondern symbolisch, weil das eine Geste ohne reale Auswirkungen auf die Märte ist). Das ist ein Präzedenzfall, der das Einfrieren anti-russischer Beschränkungen normalisiert.

Obwohl die Schließung der Straße von Hormus vorübergehend ist, war sie für Russland (und die anderen genannten Exportländer) aber bereits profitabel. Sollte die aktuelle Situation länger anhalten, können wir die im Januar und Februar entgangenen Einnahmen aus Öl- und Gas kompensieren.

Allerdings ist auch der Ausgang des Krieges im Iran für uns extrem wichtig. Für Russland ist der Erhalt der Islamischen Republik in ihrer jetzigen Form nützlich, da das eine Zusammenarbeit mit unserem Land sowie begrenzte Exporte iranischen Öls auf den Weltmarkt bedeutet. Außerdem wird, sollten die USA und Israel den Iran nicht besiegen, Washingtons Bestreben, seine Rolle als globale Hegemonialmacht zu demonstrieren, genau den gegenteiligen Effekt haben. Das wiederum wird die Welt einem ausgewogeneren Modell internationaler Beziehungen näherbringen.

Zu einem für Russland positiven Effekt der Energiekrise und der Reaktion der westlichen Länder darauf wurde das Verständnis, dass unser Land ein wichtiger Akteur auf dem globalen Öl- und Gasmarkt ist. Wir haben bereits einen deutlichen Anstieg der Nachfrage nach Öl, Gas und Kohle aus Russland verzeichnet. Nun verschärft sich der Wettbewerb um unsere Rohstoffe. Thailand, Japan, Südkorea und andere Länder haben den Wunsch geäußert, russisches Öl zu kaufen, was die wachsende globale Konkurrenz und das Scheitern der Versuche, Russland zu isolieren, verdeutlicht.

Ende der Übersetzung

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

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