Worauf wartet Russland angesichts der offenen Kriegsbeteiligung Europas?

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anti-spiegel.ru📅 07.07.2026
Stimmung in Russland

Worauf wartet Russland angesichts der offenen Kriegsbeteiligung Europas?

Ich bin derzeit wieder in Russland unterwegs und mich überrascht, wie sehr die Stimmung in Russland angesichts der Probleme mit der Benzinversorgung umgeschwenkt ist. Kaum jemand versteht mehr, warum Russland nicht auf die direkte Kriegsbeteiligung Europas reagiert.

Ich bin derzeit in Russland unterwegs, weshalb ich in den nächsten Tagen auch weniger Zeit zum Schreiben haben werde. Meine Reise führt mich neben Moskau, wo ich letzte Woche war, auch in die russische Provinz. Dabei überrascht mich, wie sehr sich die Stimmung in Russland geändert hat. Praktisch alle meine Gesprächspartner – von Experten bis hin zu Taxifahrern, Hotelpersonal, Kellnern und anderen zufälligen Bekanntschaften – äußern Unverständnis darüber, dass die russische Regierung angesichts der offenen Kriegsbeteiligung der EU nicht reagiert.

Die Kriegsbeteiligung der EU reicht von der Kaperung von Handelsschiffen mit Ziel Russland über die Finanzierung der ukrainischen Raketen und Drohnen und die Bereitstellung sicherer Produktionsstätten für ukrainische Rüstungskonzerne bis hin zur Erlaubnis an die Ukraine, den Luftraum von EU-Staaten für Langstreckenangriffe auf Russland zu nutzen. All das ist offene Kriegsbeteiligung. Hinzu kommen Manöver, bei denen die Blockade Kaliningrads geübt wird, und viele Erklärungen europäischer Militärs und Politiker, man müsse Kaliningrad angreifen.

Zu den Langstreckenangriffe unter Nutzung der Lufträume von EU-Staaten sei gesagt, dass ich davon schon etwa zwei Jahre weiß. Und seit letztem Sommer ist das nicht mehr zu bestreiten. Seit Ende März wird es in Europa auch ganz offen zugegeben und inzwischen sind es manchmal bis zu hundert Drohnen pro Nacht.

Die russische Regierung belässt es bisher bei der Erklärung, wenn es bewiesen sei, dass Drohnen im Baltikum gestartet würden, werde es natürlich eine harte Reaktion gegen die Balten geben. Darauf reagieren die Balten, indem die Anzahl dieser Angriffe weiter steigt. Man hat den Eindruck, dass die EU-Staaten wollen, dass Russland endlich mal zurückschlägt.

Das wäre nur logisch, denn es ist eine beliebte Strategie des Westens, andere Länder so lange zu provozieren, bis sie zurückschlagen, um dann aufzuheulen, wie aggressiv dieses Land angeblich ist. Die Führung der EU braucht den Krieg, weil sie dann alle selbst verursachten Probleme (Sozialabbau, Energiekrise, Deindustrialisierung, etc.) darauf schieben kann.

Die russischen Medien bleiben jedoch zurückhaltend und heizen keine anti-europäische Stimmung an. Eigentlich müsste man erwarten, dass in russischen Medien jeden Morgen berichtet wird, wie viele in Europa produzierte und von Europa bezahlte Drohnen letzte Nacht in Russland eingeschlagen sind. Aber die Beteiligung der europäischen Staaten wird, anders als man erwarten sollte, fast nicht thematisiert.

Offensichtlich will die russische Regierung die Stimmung in Russland nicht weiter anheizen.

Vollkommen zu Recht sagt man, dass Moskau und Petersburg nicht Russland sind. Diese beiden Metropolen galten immer als liberale „Inseln“ in Russland, als pro-westlich und pro-europäisch, während die Bevölkerung im Rest des Landes immer weitaus konservativer und dem Westen gegenüber kritischer war. Daher wundert es mich umso mehr, dass ich auch in Moskau nun von unglaublich vielen höre, dass die Geduld zu Ende geht und man nicht versteht, worauf die Regierung noch wartet. Ein Freund, der übrigens immer ein Gegner der russischen Regierung war, sagte mir, wenn es einen Aufruf zu einer Demonstration unter dem Motto „Lasst uns endlich zurückschlagen!“ geben würde, wären in Moskau morgen eine halbe Million Menschen auf der Straße.

Das ist natürlich seine subjektive Meinung, aber es ist eine Meinung, die ich an jeder Ecke höre. Und in der Provinz, wo ich derzeit unterwegs bin, ist die Stimmung noch weitaus heftiger.

Der Grund ist natürlich, dass die Menschen in Russland durch die Benzinknappheit als Folge der Angriffe der von der EU finanzierten und in der EU produzierten Drohnen auf die russische Ölindustrie spüren, dass der Krieg bei ihnen angekommen ist. Die Lage auf der Krim und in den neuen russischen Gebieten ist mittlerweile dramatisch. Und nicht nur da, denn auf den russischen Autobahnen sieht man vor Tankstellen lange Staus aus LKW. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich das auch in anderen Teilen Russland auf die Versorgung mit anderen Waren als Benzin auswirken wird.

Wenn man in Kiew und in der EU darauf gesetzt hat, dass sich die Russen, wenn sie den Krieg am eigenen Leib spüren, gegen ihre Regierung wenden und ein Ende des Krieges fordern, dann hat man sich kräftig verkalkuliert, denn das Gegenteil ist der Fall. Die Stimmung ist, dass man nun gegen Europa zuschlagen müsse, und zwar sehr heftig, damit die Eliten der EU verstehen, dass Krieg kein Spiel ist, das sie nicht betrifft.

Worauf wartet die russische Regierung?

Die Frage, die ich überall höre, ist: Worauf wartet die Regierung noch? Das ist das Thema, über das in Russland derzeit wohl am meisten gerätselt wird. Ich will hier ein paar Theorien aufzählen, die man dazu hört.

Eine Theorie besagt, dass die im September anstehenden Parlamentswahlen der Grund sind. Eine Eskalation mit Europa inklusive einer Generalmobilmachung würde sicher Unzufriedenheit schüren. Allerdings schürt auch Tatenlosigkeit der russischen Regierung Unzufriedenheit.

Jeder wird durch seine Ausbildung und seine Vergangenheit geprägt. Und neben seiner Vergangenheit beim Geheimdienst ist Putin vor allem bis in die Haarspitzen Jurist, was bedeutet, dass es ihm sehr wichtig ist, dass die Wahlen ruhig und glatt verlaufen, damit er ein klares Mandat vom Volk für sein weiteres Vorgehen bekommt. Was Putin ganz sicher nicht will, ist eine Absage der Wahlen wegen Kriegsrecht, denn ihm ist es natürlich wichtig, dass Russland – im Gegensatz zur Kiewer Junta – eine legitime Führung hat.

Die anderen Theorien, die in Russland herumgeistern, klingen ein wenig wie Verschwörungstheorien. Manche glauben, dass es hinter den Kulissen Absprachen gibt und dass der Krieg bald enden könnte, weshalb die russische Regierung eine Eskalation um jeden Preis vermeiden will. Für mich klingt das in keiner Weise glaubwürdig.

Andere Gerüchte, denen ich allerdings auch keinen großen Glauben schenke, besagen, dass die Benzinkrise von der Regierung durchaus gewollt ist und dass Benzin zurückgehalten wird, um im Land ein Bewusstsein für die Kriegsbeteiligung Europas zu schaffen, ohne das über die Medien zu verbreiten. Wenn die Menschen etwas am eigenen Leib spüren, ist es weitaus überzeugender als wenn die Medien es einem erzählen.

Wie gesagt, ich glaube nicht an diese Theorie, obwohl durchaus ein Punkt für sie spricht. Als Russland im Februar 2022 keine andere Möglichkeit mehr gesehen hat, seine Sicherheitsinteressen zu verteidigen und einen NATO-Beitritt der Ukraine zu verhindern, als das militärisch durchzusetzen, war die russische Bevölkerung darauf nicht vorbereitet, weil die russischen Medien die Menschen nicht darauf vorbereitet haben. Die Folge waren Unzufriedenheit in Teilen der Bevölkerung und Proteste.

Allerdings haben die Staaten des Westens der russischen Regierung (sicher ungewollt) sehr geholfen, denn die Sanktionen, die jeden einzelnen Russen betroffen haben, wenn beispielsweise Kreditkarten im Ausland nicht mehr funktioniert haben oder westliche Geschäftspartner wegen der Sanktionen die Zusammenarbeit beendet haben, haben jedem Russen anschaulich gezeigt, dass der Westen nicht gegen Putin oder die russische Regierung, sondern gegen jeden einzelnen Russen vorgeht. Die Folge war, dass die Proteste schnell vorbei waren und die Unterstützung für Putin und seine Politik auf über 80 Prozent gestiegen ist, wo sie danach vier Jahre geblieben ist, bevor sie in diesem Jahr um etwa 10 Prozent gefallen ist.

Würde Russland nun gegen Europa vorgehen, wäre die Zustimmung in der Bevölkerung dazu heute überwältigend, weil jeder Russe nun begriffen hat, dass Europa wieder Krieg gegen Russland führt. Das hat die Benzinkrise bewirkt.

Ein weiterer Grund für die Untätigkeit der russischen Regierung dürfte sein, dass Russland dem globalen Süden – wie schon 2021 – zeigen will, dass nicht Russland sondern der Westen der Aggressor ist. Die ganze Welt sieht, wie die EU sich offen am Krieg gegen Russland beteiligt und Russland darauf nicht antwortet. Wenn Russland eines Tages militärisch antworten sollte, dürfte das im globalen Süden genauso wenig zu einer anti-russischen Stimmung führen, wie auch Russlands Einschreiten in der Ukraine 2022 im globalen Süden nicht zu einer anti-russischen Stimmung geführt hat.

Auch das Beispiel des Iran zeigt, dass der globale Süden vollstes Verständnis dafür hat, wenn ein vom Westen angegriffenes Land auch die Länder bombardiert, die diesen Angriff unterstützen. Schließlich gab es im globalen Süden keinerlei Protest dagegen, dass der Iran als Antwort auf den amerikanisch-israelischen Angriff auch Ziele in den arabischen Ländern bombardiert hat, die den USA und Israel Basen – und vor allem ihren Luftraum – zur Verfügung gestellt haben.

Daher ist kaum zu erwarten, dass es im globalen Süden einen Aufschrei gibt, wenn Russland beispielsweise Ziele in den Ländern bombardiert, die der Ukraine ihren Luftraum für Angriffe gegen Russland zur Verfügung stellen.

Wie gesagt, all das waren nur Theorien. Ob sie stimmen, weiß ich nicht, vielleicht ist der Grund für die Tatenlosigkeit der russischen Regierung auch eine Kombination der genannten Dinge, vielleicht ist der Grund aber auch ein ganz anderer.

Ich wollte nur zeigen, wie die Stimmung in Russland derzeit ist, denn warum die russische Regierung nicht mit aller Härte gegen die europäischen Unterstützer der Ukraine vorgeht, ist die in Russland derzeit wohl meistdiskutierte Frage.

Mögliche Szenarien

Wenn man an einen militärischen Konflikt zwischen Europa und Russland denkt, dann denkt man schnell an lange Fronten und heftige Kämpfe. Es könnte aber ganz anders sein.

Wenn man russische Experten hört, schlagen die vor, dass Russland beispielsweise mit einem massiven Raketenangriff durchführen könnte, wobei die Ziele die Produktionsstandorte ukrainischer Rüstungsfirmen in Europa (die hat Russland bereits als legitime Ziele bezeichnet) oder die Umschlagplätze der westlichen Waffenlieferungen an Kiew oder die Orte im Baltikum, von denen Drohen zu Angriffen auf Russland starten, sein könnten.

Dieser Angriff solle dann mit der Warnung verbunden werden, dass Russland auf einen europäischen Gegenschlag umgehend mit dem begrenzten Einsatz von taktischen Atomwaffen („Mininukes“) auf militärische Ziele in Europa antworten würde. Und dass Russland den europäischen Eliten klar machen würde, dass auch sie und ihre Verwandten sofort zu Zielen würden, damit die gar nicht erst glauben, sie könnten weiterhin in ihren Konferenzräumen leckere Häppchen verspeisen, während die einfachen Europäer an der Front verheizt werden.

Damit, so die Vertreter dieser Strategie, könnte man den europäischen Eliten vielleicht eine so kalte Dusche verpassen, dass sie verstehen, dass Krieg kein Spiel ist, das sie nicht betrifft, und dass sie doch noch zur Vernunft kommen, bevor es zu einem Krieg mit einer tausende Kilometer langen Front und Millionen Toten auf beiden Seiten kommt.

Natürlich wäre der begrenzte Einsatz von Atomwaffen ein weltpolitisches Erdbeben und die Folgen sind kaum abzuschätzen. Ich behaupte auch nicht, dass das der Plan der russischen Führung ist, ich gebe nur wieder, was russische Experten diskutieren.

Eines ist jedoch sicher: Russland wird, wie schon 2022, irgendwann militärisch antworten müssen, wenn es keinen anderen Weg mehr sieht. Russland wird kaum zuschauen, wie die EU Russlands Industrie zerstört.

Hinzu kommt, dass man kein Hellseher sein muss, um zu wissen, dass die als „ukrainisch“ deklarierten europäischen Langstreckendrohnen als nächstes beginnen werden, die russische Strom- und Wasserversorgung anzugreifen.

Die EU eskaliert um jeden Preis. Auch wenn sie dabei die Ukraine vorschiebt, sieht die ganze Welt, dass die EU bereits Krieg gegen Russland führt. Auch wenn deutsche Medien das verschweigen, sagen europäische Politiker wie Kallas oder die Außenminister Polens und der Baltenstaaten längst offen, dass die EU Kriegspartei ist.

Die Frage ist nur, wann Russland sie das auch spüren lässt.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

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