„Europa droht mit einem 15-Jahres-Tiefstand der Gasvorräte in den Winter zu starten“
Im letzten Winter sind Deutschland und Europa einem Gasmangel im buchstäblich letzten Moment entkommen. Ende Februar lagen die Gasspeicherstände in Deutschland bereits bei der kritischen Marke von 20 Prozent und Experten haben bereits mit einer Gasmangellage inklusive Stromabschaltungen beispielsweise bei der Industrie gerechnet. Nur die Tatsache, dass der März extrem warm war, hat dieses Szenario im letzten Moment abgewendet.
Die Medien haben die Dramatik der Lage damals verschwiegen und auch jetzt findet man in deutschen Medien keine Kritik von Experten darüber, dass die Regierung bei der Versorgung Deutschlands mit Strom und Heizung auf gutes Wetter hofft, anstatt die Versorgung – wie in früheren Jahren – garantiert sicherzustellen, was ja möglich wäre.
Für den nächsten Winter ist das zu erwartende Szenario sogar noch düsterer. Letzten Winter ist Deutschland mit einem Gasspeicherfüllstand von 75 Prozent in die Heizperiode gestartet, was ein rekordverdächtig niedriger Wert war, denn normalerweise sind die Speicher zu dem Zeitpunkt zu 90 Prozent gefüllt.
In diesem Jahr dürfte das noch schlimmer werden, denn aktuell sind die Speicher in Deutschland nur zu 41 Prozent gefüllt, normal waren im Durchschnitt der letzten Jahre zu diesem Zeitpunkt aber 61 Prozent. Und sogar im letzten Jahr waren es zu diesem Zeitpunkt immerhin 50 Prozent.
Dass die Auffüllung der extrem leeren Speicher eine ambitionierte Aufgabe sein würde, war schon im März klar. Normalerweise beginnt die Auffüllung der Speicher im April, in diesem Jahr hätte sie wegen des extrem warmen Monats März aber schon einen Monat früher beginnen können.
Aber es ist nicht viel passiert, denn russisches Gas will die Bundesregierung nicht, sie setzt stattdessen auf Flüssiggas (LNG). Aber weil die USA und Israel am 28. Februar ihren Krieg gegen den Iran begonnen haben, herrscht auf den Weltmärkten ein Mangel an LNG.
Derzeit ist der Krieg zwar pausiert und es gibt Meldungen, dass Tanker die Straße von Hormus passieren, aber derzeit fahren dort an guten Tagen nur weniger als ein Drittel der Anzahl der Schiffe durch, wie vor dem Krieg. Außerdem wird das Hochfahren der Gasverflüssigungsterminals einige Tage oder Wochen dauern, während die Reparatur der beschädigten Anlagen Jahre dauern könnte. Eine Normalisierung der Lage ist auf den LNG-Märkten also nicht zu erwarten, die Risiken bleiben bestehen.
Die einzig gute Nachricht ist, dass die sich beschleunigende Deindustrialisierung Deutschlands und der EU dazu führt, dass weniger Gas verbraucht wird als in früheren Jahren.
Dass all das keine „russische Propaganda“ ist, wie man mir ja vorwirft, zeigt ein Artikel der Financial Times über das Thema, den ich zur Information übersetzt habe.
Beginn der Übersetzung:
Europa droht mit einem 15-Jahres-Tiefstand der Gasvorräte in den Winter zu starten
Die Speicher der EU werden vor den kälteren Monaten nicht schnell genug aufgefüllt.
Europa wird die Heizperiode mit den niedrigsten Gasspeicherständen seit mindestens 15 Jahren beginnen, was die Preise für Unternehmen und Haushalte in diesem Winter in die Höhe treiben könnte.
Laut Prognosen des Beratungsunternehmens Wood Mackenzie werden die Speicher in der EU die wichtige Auffüllphase, die üblicherweise zwischen April und Oktober stattfindet, nur zu 76 Prozent gefüllt beenden. Dies wäre der niedrigste Höchststand der gespeicherten Gasvorräte seit mindestens 2011, wie Daten von Gas Infrastructure Europe zeigen.
Die niedrigen Füllstände sind eine Folge des Krieges zwischen den USA und dem Iran, der die Lieferungen von Flüssigerdgas durch die Straße von Hormus unterbrochen hat, über die normalerweise ein Fünftel der weltweiten Versorgung transportiert wird, und die Produktion in Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten reduzierte.
Die Speicher in der EU sind nach einem besonders kalten Winter mit nur 28 Prozent Füllstand in die Auffüllphase gestartet, ein niedrigerer Wert als üblich für diese Jahreszeit. Laut GIE sind die Gastanks derzeit im Durchschnitt zu 48 Prozent gefüllt.
Die europäischen Gaspreise schnellten nach den gemeinsamen Angriffen der USA und Israels auf den Iran Ende Februar in die Höhe, blieben aber zuletzt relativ stabil, sogar bevor Washington und Teheran Anfang des Monats ein vorläufiges Friedensabkommen geschlossen haben. Das führte zu einem neuen Problem: Die Preise an den europäischen Gashandelsplätzen sind zu stark gefallen, um LNG-Lieferungen, typischerweise aus den USA, anzulocken.
„Wir sind in einer kritischen Phase des Sommers für Europas Pläne zur Wiederauffüllung der Gasvorräte“, sagte Natasha Fielding, Analystin bei Argus Media. „Zwar hat das verkündete Abkommen zwischen den USA und dem Iran die Gaspreise gedrückt und die Hoffnung auf eine Rückkehr vieler LNG-Lieferungen aus dem Golf auf den Markt geweckt, doch je länger die LNG-Versorgung eingeschränkt ist, desto niedriger werden die europäischen Gasvorräte zu Beginn des Winters sein und desto größer wird die Wahrscheinlichkeit von Preisspitzen im Winter.“
Die europäischen Referenzpreise für Erdgas liegen derzeit bei etwa 40 Euro pro Megawattstunde (MWh) und damit kaum höher als vor Beginn des amerikanisch-iranischen Krieges am 28. Februar. Sie bewegen sich im für diese Jahreszeit üblichen Bereich. Selbst als die Preise in den ersten Kriegswochen stark anstiegen, blieben sie weit unter dem Höchststand von 342 Euro/MWh, der nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine im Jahr 2022 erreicht wurde.
Die Wiederauffüllung der Speicher verlief im April schleppend, da die hohen Gaspreise im Sommer den Unternehmen kaum Anreize zum Auffüllen ihrer Vorräte boten.
Die EU-Kommission erklärte am Sonntag, dass „die aktuellen Speicherstände keine unmittelbaren Bedenken hinsichtlich der Energiesicherheit aufwerfen“ und fügte hinzu, dass „eine Speicherauslastung von 80 Prozent … ausreicht, um die Versorgung im Winter zu sichern“. Die Speicherstände liegen derzeit etwa 10 Prozent unter dem Vorkrisendurchschnitt, während die Gasnachfrage in der EU um 17 Prozent gesunken ist, so der Sprecher.
Die Kommission hat den Mitgliedstaaten empfohlen, ihre Speicher zu 80 Prozent, oder mindestens zu 75 Prozent, zu füllen, um den Preisdruck zu mindern. Das unverbindliche Ziel lag in den letzten Jahren bei 90 Prozent.
„Wir brauchen einen hohen Füllstand, um für den nächsten Winter gerüstet zu sein. Wir wollen das aber so gestalten, dass es kurzfristig nicht zu Preiserhöhungen führt“, sagte EU-Energiekommissar Dan Jørgensen am Freitag.
Die Situation der europäischen Speicher könnte sich ändern, wenn eine große LNG-Lieferwelle die Weltmärkte erreicht.
Leere LNG-Tanker aus Katar begannen fast unmittelbar nach Unterzeichnung des vorläufigen Friedensabkommens, in Richtung Golf zurückzukehren. Katars Premierminister Scheich Mohammed bin Abdulrahman al-Thani erklärte diese Woche, die Produktion des Landes werde sich innerhalb weniger Wochen in allen LNG-Anlagen normalisieren, mit Ausnahme zweier Anlagen, die während des Konflikts vom Iran beschädigt wurden.
Analysten fragen sich jedoch, wie schnell die katarischen LNG-Mengen wieder auf den Markt kommen werden.
Wenn die unbeschädigten Anlagen der riesigen LNG-Anlage Ras Laffan in Katar bis Ende Juli ihre volle Kapazität erreichen, dürften die europäischen Gasspeicher die Auffüllsaison voraussichtlich zu 74 Prozent gefüllt abschließen, schätzte die Rohstoffanalystin Samantha Dart von Goldman Sachs in einer aktuellen Analyse. Sollte das einen Monat später eintreten, könnten die europäischen Speicher nur zu 70 Prozent gefüllt in den Winter starten, so Dart.
Der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus erlitt am Donnerstag einen Rückschlag, nachdem in der Wasserstraße ein Schiff getroffen wurde. Ob die Lieferungen nach dem Ende des von Washington und Teheran vereinbarten Verlängerung des Waffenstillstands um 60 Tage weitergehen werden, bleibt ungewiss. Das bringt Europa in eine schwierige Lage, warnen Analysten.
Laut einer Analyse von Energy Aspects setzen Spekulanten an den Termin- und Optionsmärkten zunehmend auf höhere Preise im Winter.
Tom Marzec-Manser, Direktor für europäisches Gas und LNG bei Wood Mackenzie, erklärte, dass die Gaspreise in den kommenden Monaten wegen steigender LNG-Lieferungen aus dem Golf zwar weiter sinken könnten, er aber mit einem erneuten Preisanstieg im Winter rechne. Das berge Risiken für Anfang 2027, insbesondere bei kaltem Wetter.
Der Plan der EU, russisches LNG, das derzeit etwa 14 Prozent der gesamten europäischen LNG-Importe ausmacht, ab dem 1. Januar vollständig zu verbieten, erhöht im europäischen Winter ebenfalls die Wahrscheinlichkeit einer Gasknappheit.
Ende der Übersetzung
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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