Im Jahr 2020 wurden die Beliebtheitsrankings in Deutschland stark von der COVID-19-Pandemie dominiert. Der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, die Bundeskanzlerin Angela Merkel und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder belegten in Umfragen wie dem ZDF-Politbarometer oder dem ARD-DeutschlandTrend die vorderen Plätze.
Als die prägnantesten „Corona-Hardliner“ des Jahres 2020 in Deutschland galten der bayerische Ministerpräsident Markus Söder, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sowie Karl Lauterbach.
Die beliebtesten Politiker des Jahres 2021 waren die scheidende Bundeskanzlerin Angela Merkel, Olaf Scholz, Robert Habeck und Annalena Baerbock.
Im Jahr 2021 bildeten erneut Karl Lauterbach, Angela Merkel, Markus Söder und Winfried Kretschmann den harten Kern des sogenannten „Teams Vorsicht“.
Die Überschneidungen zwischen Beliebtheit und wer die Menschen am meisten mit Maßnahmen gequält hat, sind nicht zufällig.
Warum das so ist, erklärt in Freuds „Gruppenpsychologie und der Anführer“ in Zeiten von COVID
Team Drosten, Team Streeck, Team Vorsicht, Team Bhakdi… Die einen hatten das Virus und die “Coronaleugner” als Feindbild, die anderen die Schafe und die Maßnahmen. Jede kleine Minijob Regaleinräumerin im Supermarkt hatte plötzlich die Macht und Autorität sinnlose Maskenvorschriften lautstark durchzusetzen.
Das ist kein neues Phänomen, das kennt man leider bereits aus dunklen, alten Zeiten. Die Psyche des Menschen hat sich seitdem nicht verändert, die Mechanismen sind immer die gleichen. Man braucht keine neuen Theorien, um sich wiederholende Verhaltensmuster zu beschreiben.
Im Jahr 1921 veröffentlichte Freud „Gruppenpsychologie und Ich-Analyse“.
Er versuchte, etwas zu verstehen, das gerade Millionen von Menschen das Leben gekostet hatte: wie sich gewöhnliche Menschen in Anwesenheit einer Menschenmenge und eines Anführers auf eine Weise verhielten, für die sie sich als Einzelpersonen niemals entschieden hätten.
Seine Antwort war ebenso präzise wie beunruhigend.
In einer Gruppe wird das Ich-Ideal – der innere Maßstab, an dem sich der Einzelne misst – durch eine äußere Figur ersetzt: Den Anführer.
Das Gruppenmitglied denkt nicht über die Autorität des Anführers nach. Es spürt sie. Der Anführer nimmt die psychologische Position des idealisierten Elternteils ein, jener allwissenden, allschützenden Figur, die das Gruppenmitglied von der Angst vor individueller Beurteilung befreit.
Die Gruppe hält durch zwei Mechanismen zusammen: die gemeinsame Liebe zum Anführer und den gemeinsamen Hass auf den designierten Feind.
Entfernt man eines von beiden, löst sich die Gruppe auf.
Freud stellte fest, dass das Gruppenmitglied in diesem Zustand in seinem Gefühl der Wichtigkeit nicht geschmälert wird. Es wird vielmehr gestärkt. Es fühlt sich stärker, sicherer, rechtschaffener und handlungsfähiger als es es als Einzelperson wäre.
Da es sein Ich-Ideal an den Anführer abgegeben hat, erlebt es die Autorität des Anführers als seine eigene.
Betrachten Sie die Pandemie einmal aus dieser Perspektive.
Die Führungspersönlichkeit im Bereich der öffentlichen Gesundheit, die Anfang 2020 in den Vordergrund trat, nahm genau diese freudsche Position ein. Sie wirkte autoritär, beruhigend und präsent. Sie strahlte Gewissheit aus, gerade in dem Moment, als Gewissheit am dringendsten gebraucht wurde.
Die Gruppe, die sich um sie herum bildete, entstand nicht durch logisches Denken. Sie entstand durch den von Freud beschriebenen psychologischen Mechanismus: die gemeinsame Projektion des Ich-Ideals auf die Figur des Anführers.
Deshalb empfanden die Gruppenmitglieder jede Infragestellung des Anführers als persönlichen Angriff. Ihr Ich-Ideal war in die Führungspersönlichkeit investiert. Ein Angriff auf die Führungspersönlichkeit war ein Angriff auf die Struktur, die ihre Angst zusammenhielt.
Und deshalb wurde der designierte Feind – die Ungeimpften, der kritische Wissenschaftler, der abweichenden Meinung vertreibende Arzt – mit solcher Intensität wahrgenommen.
Sie bedrohten den Zusammenhalt der Gruppe, indem sie sich aus der gemeinsamen Verortung des Ich-Ideals zurückzogen. Ihre Weigerung, die Führungspersönlichkeit zu idealisieren, war strukturell unerträglich.
Freuds Rezept ist dasselbe, das jeder Tiefenpsychologe anbietet.
Zieh die Projektion zurück. Hol dir das Ich-Ideal zurück.
Nicht mit Verachtung für das, was du in einer beängstigenden Zeit gebraucht hast.
Sondern mit der ehrlichen Erkenntnis, dass der Anführer immer ein Mensch war. Mit Grenzen. Mit Interessen. Mit der Fähigkeit, Fehler zu machen.
Und dass die Sicherheit, die scheinbar aus der Idealisierung herrührte, niemals wirklich vom Anführer kam.
Sie gehörte die ganze Zeit dir.
Carmody, K. (2026, June 22). Freud’s Group Psychology & the Leader during COVID. Kenny Carmody. https://kennycarmody.substack.com/p/freuds-group-psychology-and-the-leader
