Östlich von Oder und NeißE – Bauunternehmer Müller und seine schönen Spuren in Lissa

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Die Deutschen, einst 84 Prozent der Bevölkerung, finden heute in der ehemals deutschen Stadt volle Anerkennung

paz.de📅 29.06.2026

Die 60.000-Einwohner-Stadt Lissa in Posen [Leszno] lässt man gerne auf der Durchfahrt von Breslau nach Posen links liegen. Wer jedoch dennoch 70 Kilometer südwestlich von Posen und 90 Kilometer nordwestlich von Breslau Station macht, wird belohnt. Gleich in Bahnhofsnähe gibt’s in Bäckerein und Cafés die berühmten Posener Buchteln zu kaufen. Diese nimmt man für Zuhause mit, denn sie werden zum Braten serviert.

Serviert wird in Lissa auch deutsche Geschichte. Das Kreismuseum, ul. Narutowicza 31, erzählt in der ständigen Ausstellung die Geschichte Lissas und seiner Umgebung vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Seit Mai bekommt man auch Führungen auf den Spuren deutscher Baumeister. Eine polnischsprachige Freilichtausstellung vor dem Museumsgebäude, das sich in der Neuen Synagoge befindet, führt in das Thema ein. Den Sommer über steht Hermann Müller im Fokus. Kunsthistorikerin Malgorzata Gniazdowska erinnert an diesen aus Damerau [Dąbrowa] bei Elbing [Elbląg] in Westpreußen stammenden Architekten.

Müller war Sohn eines Ziegeleibesitzers, berichtet sie. „Wir wissen nicht, warum er nach Lissa kam. Bekannt ist nur, dass er 1883 als Bautechniker in der Firma von Eduard Stein angestellt wurde.“ Müller musste sich gut mit seinem Chef verstanden haben, denn bald schon heiratete er die Tochter seines Arbeitgebers Anna und gründete mit seinem Schwager Hans Stein die Baufirma „Stein & Müller“. Ende des 19. Jahrhunderts arbeitete Müller dann selbstständig. „Zu seinen schönsten Bauten gehört die Villa Müller von 1903. Sie ist heute im Besitz der Stadt und gehört zu den besterhaltenen Jugendstilhäusern in Lissa. Viele Bürger besuchen das Haus, weil sie hier ihre Amtsgänge erledigen. Hoffentlich fallen ihnen dabei die Fensterverkleidungen, Türgriffe oder der gut erhaltene Jugendstil-Heizkörper auf. Diese Villa ist nicht nur von außen, sondern auch durch ihre hervorragend erhaltene Innenausstattung ein Juwel der Jugendstilarchitektur“, betont sie.

Gegenüber schuf Müller sein bedeutendstes Werk. Im Auftrag der Beamtenwohnungsgenossenschaft entwarf er einen Gebäudekomplex „in einheitlicher Höhe und Geschossanzahl, in dessen Innenhof sich ein Wirtschaftsgebäude mit einer Hausmeisterwohnung befand. Außerdem gab es dort eine Waschküche und diverse Abstellräume. Damit schuf er den Prototyp einer Wohnsiedlung in Lissa, die bis heute unverändert erhalten ist.“

Zusammen mit Hans Stein entwarf Müller eine Brauerei, von der allerdings nur noch ein Schornstein überdauerte. Auch zum Sitz des Kreismuseums in der Neuen Synagoge hatte Müller eine Beziehung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde er beauftragt, einen Entwurf für den Ausbau des östlichen Teils der Synagoge zu erstellen. Als Vorlage diente ihm die Arbeit des Oelser [Oleśnica] Architekten Edwin Oppler. „Müller hatte eine prächtige Kuppel geplant, doch die jüdische Gemeinde hatte sich für den Entwurf der Breslauer Brüder Richard und Paul Ehrlich entschieden. Aber Müllers Pläne sind im Lissaer Archiv erhalten geblieben“, berichtet Gniazdowska.

Müller hatte bis 1920 in Lissa gearbeitet. Er war Mitglied des Stadtrats und „man findet Einträge, dass Müller bis Dezember 1919 noch Ratsherr war, also bis Lissa wieder Teil der Republik Polen wurde“, so die Kunsthistorikerin.

Nach der Zweiten Teilung Polens von 1793 bis 1807 gehörte Lissa zur preußischen Provinz Südpreußen. Nach dem Frieden von Tilsit fiel das Gebiet 1807 zum Herzogtum Warschau. Nach dem Wiener Kongress am 15. Mai 1815 ging es aber erneut an das Königreich Preußen. Bis zum 1. Oktober 1887 gehörte Lissa zum Kreis Fraustadt [Wschowa] in der Provinz Posen. 1887 wurde aus dem Ostteil des Kreises Fraustadt ein eigener Kreis Lissa gebildet.

Nicht mehr in den Einwohnerlisten

Am 27. Dezember 1918 brach in der Provinz Posen der Großpolnische Aufstand aus. Die polnische Bevölkerungsmehrheit lehnte sich gegen die deutsche Herrschaft auf. Im Februar 1919 beendete ein Waffenstillstand die polnisch-deutschen Kämpfe, und am 28. Juni 1919 trat die deutsche Regierung mit der Unterzeichnung des Versailler Vertrags den Kreis Lissa an Polen ab, während Fraustadt bei Deutschland verblieb. 

Dabei hatte Lissa selbst 84 Prozent deutsche und nur 14 Prozent polnische Bevölkerung. Deutschland und Polen schlossen am 25. November 1919 ein Abkommen über die Räumung und Übergabe der abzutretenden Gebiete ab, das am 10. Januar 1920 ratifiziert wurde.

„Müllers Ehefrau Anna starb Ende 1919. Das Ehepaar blieb kinderlos, und damit verlor sich die Spur von Hermann Müller. In der Einwohnerliste von 1921 ist er nicht mehr aufgeführt. Vielleicht kehrte er nach Elbing zurück“, mutmaßt Gniazdowska, aber einen Beweis dafür fand sie bisher nicht.

Auf ihren Sommerspaziergängen durch Lissa führt Gniazdowska auch auf die Spuren des Baumeisters Hermann Nerger und zeigt zum Beispiel die Altlutheranerkirche in der einstigen Roonstraße (ul. Ignacego Paderewskiego), die seit 1946 von der evangelisch-augsburgischen Gemeinde in Lissa genutzt wird.

Auch Bauten von Müllers Schwiegervater, Eduard Stein, stehen auf dem Programm, denn „seit den 1870er Jahren erlebte Lissa einen Bauboom“, sagt sie. Für 150 Zloty (gut 35 Euro) kann man im Kreismuseum einen deutschsprachiger Übersetzer buchen.

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