Putin will die russischen Gaslieferungen neu ausrichten und stellt der EU Bedingungen
Aller Propaganda aus Brüssel und Berlin zum Trotz machen die russischen Gaslieferungen immer noch bis zu 20 Prozent des in Europa verbrauchten Gases aus. Ohne das russische Gas wäre die EU, in der die Gasspeicherstände so niedrig sind, wie nie zuvor, nicht durch diesen Winter gekommen. Im Januar beispielsweise hat Europa sämtliche russischen LNG-Lieferungen aufgekauft, um die Gaskrise noch abzuwenden.
Trotzdem hat die EU ein gestaffeltes Importverbot für russisches Gas beschlossen, das ab 2027 vollständig gelten soll. Ungarn und die Slowakei, die über TurkStream noch billiges russisches Pipelinegas beziehen, wollen dagegen zwar klagen, aber der Ausgang ist offen.
Angesichts des Krieges im Nahen Osten, durch den die LNG-Lieferungen aus den Gold-Moarchien nun vollständig zum Erliegen gekommen sind, weil keine Tanker mehr durch die Straße von Hormus fahren, hat sich die Lage noch einmal verschärft. Das dortige Gas ging vor allem nach Asien, und die asiatischen Abnehmer konkurrieren nun mit den Europäern um die verbliebenen LNG-Lieferungen.
Daher hat der russische Präsident Putin am Freitag angekündigt, Russland werde darüber nachdenken, die Lieferungen nach Europa schon vor dem Importverbot der EU einzustellen und das russische LNG auf Märkte umzuleiten, mit denen man langfristig faire Geschäftsbeziehungen aufbauen kann.
Schon am Samstag hat der russische Energieminister sich mit den russischen Öl- und Gaskonzernen getroffen und darüber beraten. Am Montag hat Putin dann eine Sitzung zu dem Thema einberufen und die russische Position genauer erklärt. Ich übersetze hier die einleitenden Worte, mit denen Putin die Sitzung eröffnet hat. Darin hat Putin wiederholt, die Lieferungen in die EU bald einstellen zu wollen. Und er hat der EU Bedingungen gestellt, falls sie weiterhin russisches Gas beziehen will.
Beginn der Übersetzung:
Ich habe Sie heute gebeten, zusammenzukommen, um über die Entwicklungen auf den globalen Energiemärkten zu sprechen und einen Uhrenvergleich zu machen. Ich möchte auch Ihre Meinung zu den aktuellen Ereignissen hören und mit Ihnen besprechen, wie wir die Anstrengungen des Staates und unserer privaten Unternehmen angesichts dieser Entwicklungen koordinieren können. In diesem Zusammenhang werden wir auch Russlands künftiges Vorgehen im globalen Energiesektor insgesamt erörtern, insbesondere im Hinblick auf die – wie wir es verstehen – eskalierende Lage im Nahen Osten.
Russland hat, das möchte ich betonen, wiederholt davor gewarnt, dass Versuche zur Destabilisierung der Lage im Nahen Osten unweigerlich den globalen Brennstoff- und Energiekomplex gefährden, die Öl- und Gaspreise in die Höhe treiben, die weltweite Versorgungssicherheit mit diesen Ressourcen einschränken und zweifellos langfristige Investitionspläne stören werden. Offenbar passiert jetzt genau das.
Heute sehen wir logistische Probleme entlang der Transportrouten für Öl und Gas, und wir sehen, dass das ein Schlag gegen die globalen Produktionsketten, die Industrie und im Grunde – ohne Übertreibung – das gesamte System der internationalen Wirtschaftsbeziehungen ist, denn auf Einstellungen der Lieferungen folgen weitere, rein wirtschaftliche Probleme: Die Inflation steigt und die Produktion nicht nur von Öl und Gas, sondern auch von Industriegütern, leidet.
Ich erinnere daran, dass im vergangenen Jahr etwa ein Drittel der weltweiten Ölexporte auf dem Seeweg durch die Straße von Hormus gelaufen sind, das sind rund 14 Millionen Barrel pro Tag. Davon waren etwa 80 Prozent für Länder im asiatisch-pazifischen Raum bestimmt. Nun ist diese Route de facto blockiert. Die Ölförderung, die auf die Nutzung der Straße von Hormus angewiesen ist, droht innerhalb des nächsten Monats vollständig zum Erliegen zu kommen. Sie ist bereits rückläufig, und die Lager in der Region füllen sich mit Öl, das nicht, nur sehr schwer oder nur sehr teuer transportiert werden kann.
Es ist offensichtlich, dass eine vollständige Umstellung der Öllieferungen aus dem Nahen Ostens ohne die Straße von Hormus derzeit – zumindest vorerst – unrealistisch ist. Die Umstellung der Logistik wird nicht nur viel Zeit in Anspruch nehmen, sondern auch erhebliche Investitionen in die Infrastruktur, den Ausbau von Seehäfen und so weiter erfordern. Und natürlich ist das mit hohen politischen Risiken verbunden, die ja bestehen bleiben.
Aber die Verbraucher brauchen das Öl schon heute. Daher steigen die globalen Ölpreise, das sehen wir deutlich. Allein in der letzten Woche sind sie um mehr als 30 Prozent gestiegen. Ich habe heute Morgen nachgesehen, ich glaube, es war 5:30 Uhr Moskauer Zeit, da hatte der Preis bereits die Marke von 119 Dollar pro Barrel durchbrochen. Dann waren es 107, 106, und jetzt, ich glaube, Herr Setschin sagte das, 103. Er schwankt momentan irgendwo um diesen Wert. Aber die Schwankungen halten an und der Trend zeigt nicht abwärts, sondern aufwärts.
Eine ähnliche Situation entwickelt sich auf dem globalen Gasmarkt. Die Lieferungen von Flüssigerdgas aus dem Nahen Osten sind stark zurückgegangen. Die Produktionskapazität in der Region wurde reduziert und es wird Wochen, wenn nicht Monate dauern, bis sie wiederhergestellt ist. Es ist unmöglich, die fehlenden Mengen schnell auszugleichen. Infolgedessen steigen die globalen Gaspreise meiner Meinung nach sogar noch schneller als die Ölpreise.
Ich möchte Folgendes betonen: Unter den gegenwärtigen Bedingungen verschärft sich die Konkurrenz der Käufer um Lieferanten und um eine stabile, planbare Versorgung mit Öl- und Gas.
In diesem Zusammenhang muss ich natürlich sagen und daran erinnern, das gilt nicht nur an meine Kollegen hier im Raum, sondern an alle unsere Kunden, dass russische Energieunternehmen seit jeher gerade für ihre Stabilität bekannt sind.
Es ist klar, dass sich die globale Logistik der Energielieferungen angesichts des anhaltenden Konflikts im Nahen Osten hin zu profitableren und vielversprechenderen Märkten verlagern wird. Dabei muss man verstehen, dass die derzeit hohen Rohstoffpreise selbstverständlich nur vorübergehend sind. Das wissen wir, das ist klar, und davon müssen wir ausgehen. Deshalb habe ich Sie um das Treffen gebeten, damit wir darüber beraten, wie wir unsere Anstrengungen in naher Zukunft koordinieren sollten.
Die Verschiebung des Gleichgewichts zwischen Angebot und Nachfrage von Öl und Gas wird selbstverständlich zu einer neuen, stabilen Preissituation führen. Das ist unausweichlich. Daher ist es wichtig, dass russische Energieunternehmen die aktuelle Situation nutzen, unter anderem, indem sie die zusätzlichen Exporterlöse zur Reduzierung ihrer Verschuldung gegenüber inländischen Banken einsetzen. Liebe Kollegen, darauf möchte ich Ihre besondere Aufmerksamkeit lenken. Ich bitte die Regierung und die Zentralbank, diesen Prozess im Blick zu haben.
Ich betone nochmal, dass Russland ein zuverlässiger Energielieferant ist. So war es immer so. Wir werden selbstverständlich auch weiterhin Öl und Gas an Länder liefern, die selbst zuverlässige Partner sind. Ich spreche hier nicht nur von unseren Partnern im asiatisch-pazifischen Raum, sondern auch von Ländern in Osteuropa wie der Slowakei und Ungarn. Einige Kollegen haben mich bereits vor diesem Treffen darüber informiert, dass wir die Lieferungen an unsere zuverlässigen Partner erhöhen, und zwar in mehreren Regionen der Welt gleichzeitig.
Gleichzeitig möchte ich daran erinnern, dass die Länder der EU planen, ab dem 25. April zusätzliche Beschränkungen für den Kauf von russischem Öl und Gas, einschließlich Flüssigerdgas, einzuführen, bis hin zu einem vollständigen Verbot solcher Lieferungen im Jahr 2027. In diesem Zusammenhang wurde die Regierung bereits beauftragt, die Machbarkeit und Zweckmäßigkeit eines Stopps unserer Energielieferungen auf den europäischen Markt zu prüfen. Anstatt abzuwarten, bis sie uns die Tür vor der Nase zuschlagen, sollten wir jetzt handeln und diese Mengen vom europäischen Markt zu attraktiveren Abnehmern umleiten und, was am wichtigsten ist, dort Fuß fassen.
Die aktuelle Lage ist so, dass wir, wenn wir jetzt sofort zu den Märkten umorientieren, die erhöhte Lieferungen brauchen, wir dort Fuß zu fassen können. Also dort, wo es eine stabile, langfristige Nachfrage und verlässliche, langfristige Geschäftsbeziehungen gibt, also die Länder, die konstruktive Geschäftsbeziehungen zu Russland aufbauen.
Ich habe Sie übrigens hierher gebeten, damit wir über genau diese Fragen beraten: Wenn die europäischen Unternehmen, europäischen Käufer, sich plötzlich für eine Neuausrichtung und eine langfristige, nachhaltige Zusammenarbeit ohne politischen Druck entscheiden, bitte sehr. Wir haben uns nie geweigert und sind auch weiterhin bereit, mit den Europäern zusammenzuarbeiten. Wir brauchen jedoch irgendwelche Signale von ihnen, dass sie bereit und willens sind, mit uns zu zusammenzuarbeiten und diese Nachhaltigkeit und Stabilität zu gewährleisten.
Ende der Übersetzung
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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