Die Zahl der eigenen Opfer und die wirtschaftlichen Folgen des Krieges für die USA hält der ehemalige US-Geheimdienst-Offizier Scott Ritter für entscheidend für die US-Politik. Das sagte er in einem am Montag veröffentlichten Gespräch mit den Betreibern des Portals India & Global Left.
«Dann werden die Menschen langsam aufwachen und endlich erkennen, dass die Worte, die Pete Hegseth, der Präsident und andere von sich geben, leere Worte sind, Lügen, mit denen sie die ganze Zeit belogen wurden. Sie werden erkennen, dass dieser Krieg unnötig war.»
Die US-Amerikaner würden zunehmend wütend werden und «für alles andere als Trump oder jemanden, der Trump unterstützt, stimmen», so Ritter mit Blick auf die US-Zwischenwahlen im November dieses Jahres. Er rechnet mit «schrecklichen politischen Konsequenzen für diesen Präsidenten, wenn er diesen Krieg verliert». Der ehemalige US-Offizier und frühere UN-Waffeninspekteur sieht den Iran «auf dem besten Weg, diesen Krieg zu gewinnen».
«Das bedeutet, dass die Vereinigten Staaten besiegt, gedemütigt und zum Rückzug aus dem Nahen Osten gezwungen werden. Israel wird in den arabischen Golfstaaten allein zurückbleiben. Wir werden ihre Gebiete von US-amerikanischen Militärstützpunkten säubern müssen.»
Er begründete das mit dem Hinweis auf die iranischen Angriffe auf die Golfstaaten, die wirtschaftlichen Folgen und die wachsenden Proteste der dortigen muslimischen Bevölkerungen. Zudem habe der Mord an Staatsoberhaupt Ali Khameini den Zusammenhalt im Iran verstärkt statt ihn zu schwächen. Zugleich sei das Land «besser auf den Krieg vorbereitet als alle anderen», so Ritter, der sich nach eigener Aussage auf Fakten und seine jahrelangen geopolitischen und militärischen Analysen stützt.
«Wenn sich nichts Grundlegendes an der Art und Weise ändert, wie dieser Krieg geführt wird, wird den Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten in wenigen Wochen die Munition ausgehen. Dem Iran wird die Munition nicht ausgehen.»
Er verwies darauf, dass sich der Iran seit Jahren auf den erwarteten und angekündigten Angriff aus Israel und den USA vorbereitet habe. Er habe zahlreiche Raketen und Drohnen, die vorher produziert wurden und unterirdisch sicher gelagert seien. Die USA seien nicht entsprechend vorbereitet und seien nicht in den «Kriegsproduktionsmodus» übergegangen.
Auch das politische System des Iran sei als «Ein-Mann-Diktatur» Khameinis falsch eingeschätzt worden, was zeige, dass US-Politik und -Geheimdienste keine Ahnung vom Iran haben. Das Ziel, mit dem anfänglichen «Enthauptungsschlag» einen Regimewechsel herbeizuführen, sei deshalb gescheitert – «wir haben genau das Gegenteil erreicht».
Es gebe in der US-Führungsspitze «ein beispielloses Maß an Unwissenheit über den Iran». Der Hass auf die Islamische Republik habe zu Ignoranz gegenüber der Tatsache geführt, «dass sie die einzige funktionierende Demokratie im Nahen Osten ist», betonte Ritter.
Die US-Geheimdienste hätten bei ihrer Aufgabe, die politische Führung genau zu informieren, versagt, weil sie seit den frühen 1990er Jahren von der «Krankheit der Politisierung» befallen seien. Trump hätte die wahrheitsgemäßen Aussagen der Geheimdienstdirektorin Tulsi Gabbard zum nichtexistenten iranischen Atomwaffenprogramm ignoriert, weil er auf Informationen aus Israel höre.
«Israel korrumpiert grundlegend die politischen Entscheidungsprozesse hier in den Vereinigten Staaten.»
Ritter verwies darauf, dass auch hochrangige US-Militärs Trump erklärt hätten, dass die von ihm befohlene Mission so nicht zu erfüllen sei. Es gebe eine «Revolte der Generäle im Pentagon», deren Ausgang noch offen sei. Während «Kriegsminister» Pete Hegseth den Krieg für gewinnbar halte, würden die dafür notwendigen Ressourcen und auch die nötige Zeit fehlen.
Er ging in dem Gespräch mit dem indischen Portal ausführlich auf die fehlenden Voraussetzungen für den Einsatz für US-Bodentruppen im Iran ein, den Hegseth, aber auch Trump inzwischen für möglich halten. Er habe in den 1980er Jahren selbst einen entsprechenden Operationsplan ausarbeiten müssen, für den Fall einer sowjetischen Invasion in den Iran.
Daher wisse er, dass ein Einmarsch von US-Truppen in den Iran unmöglich sei. Er rechnet mit zunehmenden Folgen für die Energieversorgung der westlichen Welt in Folge der iranischen Gegenschläge:
«Am Ende der Woche wird Europa schreien. Am Ende des Monats wird Europa tot sein. Mitte des Monats werden die US-Amerikaner schreien. Und das ist die Realität.»
Trump werde dem politischen Druck im Inland und weltweit wegen der Folgen dieses illegalen Angriffskrieges nicht standhalten können, schätzte Ritter ein. Der Krieg hätte aus seiner Sicht nicht geführt werden müssen. Der Iran habe zuvor bereits alles Notwendige zugestanden, um sicherzustellen, dass er niemals einen Weg zum Atomwaffenbau finden würde. Für den Ex-Offizier gibt es nur eine Lösung:
«Der einzige Weg, dies zu beenden, besteht darin, dass die Vereinigten Staaten anerkennen, dass ihre Präsenz im Nahen Osten nicht mehr tragbar ist, und dass sie sich dauerhaft aus den von ihnen errichteten Militärstützpunkten zurückziehen. Dies wird mit der Erklärung der arabischen Golfstaaten einhergehen, dass die Vereinigten Staaten auf ihrem Territorium nicht mehr willkommen sind.»
In der Folge wäre Israel isoliert und müsse seine Groß-Israel-Ziele aufgeben, da die USA nicht mehr an seiner Seite stünden. Der Iran werde nicht kapitulieren, da es für ihn ein Krieg ums Überleben sei. Er könne nicht zulassen, «dass dieser Krieg endet, insbesondere nach dem Schaden, der angerichtet wurde, und dass die andere Seite ihre Stärke und Fähigkeiten wieder aufbaut».
Der Iran werde den Krieg gewinnen, weil die USA nicht über genügend Munition verfügen, so Ritter. Und «weil wir etwas begonnen haben, das wir nicht unter Kontrolle haben». Der Iran habe «alle Vorteile auf seiner Seite», sei militärisch besser vorbereitet und stehe politisch «auf der richtigen Seite der Geschichte».
«Dieser Krieg endet also mit der Niederlage, der strategischen Niederlage der Vereinigten Staaten. Oder die Vereinigten Staaten zerstören den Iran und stürzen das Regime.»
Aber er glaube nicht, dass Letzteres passieren wird, fügte Ritter hinzu. Er hält es auch für möglich, dass einige der Golfstaaten den Krieg politisch nicht überleben, so Bahrain, Kuwait oder auch Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate.
Zugleich machte er auf «unbeabsichtigte Folgen des Konfliktes» aufmerksam: Die Briten hätten «in ihrer imperialen Dummheit beschlossen, dass sie in diesem Konflikt eine Rolle spielen wollen» und sich pro-israelisch positioniert. Deshalb habe der Iran britische Stützpunkte auf Zypern angegriffen – was zu einer griechischen Reaktion geführt habe. Athen habe Kampfflugzeuge, Luftabwehr und Kriegsschiffe nach Zypern entsandt.
Das könne wiederum eine türkische Reaktion hervorrufen, so der Ex-US-Offizier. Die Türkei werde nicht tatenlos zusehen und Griechenland gewähren lassen, «so dass wir sehr wohl in naher Zukunft einen neuen regionalen Krieg zwischen der Türkei und Griechenland erleben könnten», also zwischen zwei NATO-Mitgliedern. Dagegen habe der Iran die US-Luftwaffenbasis Incirlik in der Türkei nicht angegriffen, von der aus Israel unterstützt werde. Ritter dazu:
«Wenn Sie eins und eins zusammenzählen, wissen Sie genau, was vor sich geht. Die Iraner sind schlauer als alle anderen. So ist es nun einmal.»