Da waren sie also ratlos herumgestanden, die fünf Damen vor dem Weinregal in Spanien. Welcher Rosé war es denn noch einmal, der so angenehm herb war? Die Geschmacksnote stand auf den Flaschen ja nicht verzeichnet, und ohnehin sprach anscheinend keine meiner lieben Landsleutinnen viel Spanisch.
Eine hatte dann die wohl rettende Idee. «Ich frag mein ChatGPT.» Schon war das Telefönchen gezückt und auf ein paar Etiketten draufgehalten. Nicht, dass mich ein guter Rosé nicht auch interessiert hätte. Aber hier stach mir doch dieser Reflex in Auge und Geist. «Ja, gell: die Wahrheit aus dem Off. Wenn die’s sagt, muss es ja stimmen. Da sagt man dann nichts mehr dagegen.» − «Ich will auch gar nichts dagegen sagen», erwiderte spontan eine andere Frau; «ich brauch es ja».
Das Totschlagargument. Man braucht es ja. Und worauf man angewiesen ist, das kritisiert man nicht. Mit dem arrangiert man sich, und das nicht ungern. Denn es ist praktisch, und wer wollte sich das Leben schon schwerer machen als nötig?
Mein Mitfahrer aus dem aargauischen Brugg damals wollte das auch nicht. Meine Fahrt in Richtung Würzburg hatte ich im Netz ausgeschrieben, und so holte ich ihn in der Stadt ab. Seine Verwunderung ließ nicht lange auf sich warten: Warum ich nicht auf die Autobahn fahre, sondern direkt nördlich, auf die Grenze zu? Er selber fahre immer über Schaffhausen.
Oh Mann! Fährt er also 20 Minuten länger und 30 Kilometer mehr als nötig − nur weil sein Navi offenbar auf Autobahnen programmiert ist. Ich versuchte, ihm die Geografie zu erklären, aber keine Chance. Das Gerät hatte ihm schon längst die Orientierung geraubt.
Solche Beispiele könnte ich verlängern. Sie würden alle das Gleiche aufzeigen: dass es modern ist, sein eigenes Denken und Empfinden zu delegieren. Mit den Taschenrechnern haben wir das Kopfrechnen verlernt, mit dem Navi die räumliche Orientierung drangegeben, und die «Künstliche Intelligenz» wird akzeptiert als das Überhirn, das bei immer mehr Menschen die letzten Reste von kritischem Mitdenken beseitigt.
Zur Lebensphilosophie weitergezogen, würde das in einem klassischen Kulturpessimismus enden, ich weiß. Jeder -mus wird seinerseits zu einem Selbst- und Irrläufer des Geistes. Aber wir wollen nicht irrlaufen, sondern wir suchen Klarheit. Zumindest setze ich das bei meinen Lesern und denen von Transition-News insgesamt voraus.
Die Überlegung ist recht einfach: Um mitzuschwimmen, muss man sich nur der Strömung hingeben. Beim Baden in einem Fluss ist das ja angenehm − bzw. das Gegenteil ohnehin aussichtslos −; das Baden im Zeitgeist hingegen führt zu den angedeuteten Ergebnissen. Wollen wir das? Mein Automechaniker empfahl mir kürzlich, meine neue Autobahn-Vignette, die seit Jahren übliche Schweizer Jahresplakette, doch digital zu kaufen. Das gehe keine fünf Minuten und sei praktisch. − «Ja, am Anfang ist es bequem, und am Schluss ist es fatal.»
Wo ist mein Standpunkt außerhalb des Geschehens, von dem aus ich verfängliche Tendenzen einordne und mich ihnen bei Bedarf ihnen entziehe? Sicher ist das auch der gesunde Menschenverstand und ein gehöriges Maß an Aufgeklärtheit über diese und jene Zusammenhänge. Dazu tragen gute alternative Nachrichtenseiten und -kanäle das Ihre bei. Sortieren und einordnen muss ich dann aber immer noch selber. Und dann auch den Mut finden, es umzusetzen und einzubringen.
Der Aufruf wäre schlicht und klar:
«Laßt es, euch dieser Weltzeit anzugleichen. Sondern laßt euch umgestalten kraft der Neuerung des Denkens, so daß ihr zu prüfen vermögt, was der Wille Gottes ist: das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.» Römer 12,2 nach Fridolin Stier
Je nach persönlicher Prägung löst das aber bereits den nächsten Reflex aus: wie wenn man nur von der einen Falle in die nächste und größere tappen und die Beklommenheit durch den Zeitgeist mit religiöser Enge ersetzen würde.
Aber wir suchen den Glauben nicht, schreibt Hermann Rauschning, «um zu etwas zurückzukehren, das uns vordem schon zu eng geworden ist, sonderen um etwas zu finden, das uns gerade aus der Enge befreit, das weit und großräumig ist, um uns in unserer Ratlosigkeit mit aufzunehmen». (Ruf über die Schwelle, 1955, Seite 80)
Es kann so einfach sein:
«Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden.» Jeremia 29,13f
Spätestens aus diesem Stand heraus lebt es sich dann frei.
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Das andere «Wort zum Sonntag» vom 1. März 2026: Heilige Krieger?
Lothar Mack war als Gemeindepfarrer und bei verschiedenen Hilfswerken und Redaktionen tätig. Sein kritischer Blick auf Kirche und Zeitgeschehen hat ihn in die Selbständigkeit geführt. Er sammelt und ermutigt Gleichgesinnte über Artikel und Begegnungen und ruft in Gottesdiensten und an Kundgebungen zu eigenständigem gläubigem Denken auf. Sein Telegram-Kanal lautet StimmeundWort.