Sie können helfen oder schaden – Weit mehr als „Schall und Rauch“

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Der Volksmund behauptet, dass Namen bedeutungslos seien.
Doch die Wirklichkeit bietet zahlreiche Beispiele für andere D...

paz.de📅 28.06.2026

Im Johannesevangelium heißt es gleich zu Beginn: „Im Anfang war das Wort … Alles ist durch das Wort geworden.“ Dies zeigt, dass die Vergabe von Bezeichnungen für Personen und Objekte zu den fundamentalsten menschlichen Gepflogenheiten überhaupt gehört. Namen sind keineswegs nur mehr oder weniger wohlklingende Buchstabenkombinationen, sondern Träger von Botschaften. Das gilt für Vor- wie für Nachnamen.

Bei den Vornamen geht es den Eltern – sofern sie nicht bloß banalen aktuellen Moden folgen und ihre Kinder nach gerade populären Sängern oder Sportlern benennen – um Erwartungen und Hoffnungen rund um den Nachwuchs sowie um Werte kultureller Art. Außerdem regiert oft der Glaube, dass der Name den Charakter und das Schicksal des eigenen Sprösslings günstig beeinflussen werde. Wie falsch man damit liegen kann, demonstrierte der deutsche Namensexperte Joachim Schaffer-Suchomel an einem bizarren Beispiel aus den USA: Dort taufte ein Ehepaar seine Söhne tatsächlich auf „Winner“ und „Loser“, wonach der „Verlierer“ sich enorm anstrengte und ein erfolgreiches Leben führte, während der „Gewinner“ durch Faulheit glänzte und am Ende im Gefängnis landete.

Normalerweise lauten Vornamen freilich anders, weil die Eltern subtiler vorgehen. So soll mit „Max“ Größe, Stärke und Entschlossenheit symbolisiert und positive Energie ins Leben des Kindes getragen werden. „Sophia“ hingegen bedeutet Weisheit, was zugleich zeitlos und modern wirkt. In der postaufklärerischen Welt von heute erfreuen sich zudem Namen mit religiösem Bezug einer wachsenden Beliebtheit. Immerhin können damit sogar Machtansprüche angemeldet werden: Wo „Mohammed“ der gebräuchlichste Jungenname ist, bleibt wenig Platz für Nichtmuslime.

Andere Vornamen waren einstmals gut gemeint, sind aber mittlerweile komplett in Verruf geraten, weil sie der Gesellschaft als Indikator für ein bildungsfernes und sozial schwaches Elternhaus dienen. Darunter fallen Kevin, Chantal, Justin oder Mandy.

Der „Hitler“ war dann doch zu viel

In der Politik spielen Namen ebenfalls eine große Rolle, wobei es in der Vergangenheit immer wieder vorkam, dass ein Name abgelegt wurde, weil ein anderer besser zur Rolle oder Programmatik seines Trägers passte. So mutierte Wladimir Iljitsch Uljanow, der deutsche, schwedische, russische, kalmückische und jüdische Vorfahren hatte und dem Adelsstand entstammte, 1901 zu Lenin – zur Erinnerung an sein drei Jahre währendes früheres Dasein als Verbannter des Zarenregimes in der Nähe des sibirischen Flusses Lena. Lenins georgischer Nachfolger Iosseb Bessarionis dse Dschughaschwili wiederum gab sich 1912 den Decknamen Stalin, der Stählerne, um aller Welt zu zeigen, wie knallhart er sei. Ein Beispiel aus neuerer Zeit ist der ehemalige britische Premierminister Alexander Boris de Pfeffel Johnson mit türkischen und jüdisch-litauischen Wurzeln, der durch die Betonung seines unüblichen zweiten Vornamens Außergewöhnlichkeit und Exzentrizität signalisieren wollte.

In anderen Fällen ging es um Distanzierung: Der namibische SWAPO-Politiker Adolf Hitler Uunona verzichtete erst im vergangenen Jahr auf den verrufenen Zweitnamen, da er schwerlich zu einem schwarzen Lokalpolitiker passte, und der erste israelische Premierminister David Ben-Gurion wollte nicht länger David Josef Grün heißen, als er 1906 nach Palästina auswanderte.

Gleichzeitig scheinen Personen für bestimmte Ämter geradezu prädestiniert zu sein, weil ihre Nachnamen dazu taugen, abstrakte politische Botschaften greifbar zu machen. Das gilt beispielsweise für adlige Namen, die vor allem konservative Kreise ansprechen, oder Familiennamen, die zeigen, dass der Betreffende ein Nachkomme oder Verwandter einer bekannten großen Persönlichkeit ist, deren Erbe es zu bewahren gilt.

Ansonsten sei auch an den kürzlichen Wahlsieg des Rechtsanwaltes Péter Magyar (der Ungar) über den langjährigen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán (der Städter) erinnert. Ganz gewiss hätte der charismatische Herausforderer auch so triumphiert, aber sein Name, der so perfekt zu einem Bewahrer der nationalen Werte zu passen scheint, war wohl das absolute I-Tüpfelchen im Wahlkampf.

Politische Narrative lassen sich deutlich besser verkaufen, wenn die Namen der Protagonisten der jeweiligen Erzählung Glanz und Lebendigkeit verleihen. Andererseits können politisch-ideologische Deutungsrahmen aber auch negativ wirken. Dann steht die Nennung von Namen für offene oder verklausulierte Kritik, die heutzutage gerne als „Hass und Hetze“ verleumdet wird. So warnt das Bundesamt für Verfassungsschutz in seiner Aufklärungsbroschüre „Versteckte Botschaften – Antisemitische Codes und Chiffren“ vom Mai 2026 davor, „Namen wie Larry Fink, George Soros oder Rothschild“ ins Spiel zu bringen, weil das den „Mythos von der ‚jüdischen Geldmacht'“ befördere.

Spitznamen kleben sehr fest

Und zu guter Letzt wären da noch die Spitznamen, die auch und gerade im Falle von Politikern tief blicken lassen. Oftmals drücken sie einen mehr oder weniger ehrfürchtigen bis widerwilligen Respekt aus, was beispielsweise für „Eiserne Lady“ gilt: So wurde die britische Premierministerin Margaret Thatcher beileibe nicht erst seit dem Sieg im Falklandkrieg, sondern bereits ab 1976 wegen ihres kompromisslosen Kurses gegenüber der „bolschewistischen Sowjetunion“ genannt. Manchmal sind Spitznamen freilich auch abwertend: Helmut Kohl musste damit leben, wegen seiner Kopfform als „Birne“ betitelt zu werden, und Altkanzler Gerhard Schröder wird wohl für immer der „Genosse der Bosse“ bleiben.

Andererseits reicht es bei manch blassen, konturlosen Funktionärstypen von heute meist nicht einmal mehr für einen Spottnamen. Zu den wenigen Ausnahmen hiervon zählt der thüringische Ministerpräsident Mario Voigt, der oftmals nur noch „Mett-Mario“ genannt wird. An den banalen Anlass hierfür kann sich mittlerweile kaum mehr jemand erinnern, aber den wegen seiner Plagiatsaffäre und weiterer Fehltritte unbeliebten Voigt absichtlich respektlos zu begegnen, ist vielen Deutschen offenbar ein ausgeprägtes Herzensbedürfnis.

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