Bis heute wird Brandenburg-Preußen nicht selten als Hort eines beinahe schon menschenverachtenden Militarismus geschmäht. Keine Frage: Disziplin, Drill, Gehorsam, militärische Erziehung und Ausbildung in jeglicher Form gehören sicherlich ein Stück weit zu Preußen und seinem prägenden Charakter. Doch hat diese Tradition zugleich seinen Grund: Denn die militärische Prägung des Preußenstaates war nicht zuletzt eine Reaktion auf eine fast vergessene Katastrophe.
Unbedingter Gehorsam und ein eiserner, nahezu irrationaler Drill führten zum berüchtigten preußischen Untertanengeist – so oder so ähnlich lautet eine der populärsten und oft wiederholten Vorurteile gegen den sandigen Teilstaat in Deutschlands Nordosten. Doch wer die Geschichte wirklich kennt, der weiß auch: Preußens Armee war keine Laune despotischer Könige, sondern die mehr als notwendige Antwort auf eine zutiefst existenzielle Bedrohung.
Aber wie und warum sind die Preußen denn nun zu solchen „Militaristen“ geworden? War da mal irgendetwas in ihrem Herzland Brandenburg vorgefallen, das sie möglicherweise so sehr erschreckt hatte, dass sie den Drang oder gar die Notwendigkeit verspürten, sich ein stehendes Heer zuzulegen? Hatten die vielleicht so eine Art Trauma?
Die Katastrophe: Jeder zweite Mensch war tot
Sogar die Deutschen selbst haben heute mehrheitlich vergessen, dass ihr Heimatland bis 1648 Austragungsort des 30-jährigen Krieges gewesen ist, bei dem mehr als jeder dritte (!) Einwohner Deutschlands starb – etwa sechs Millionen von insgesamt 16 Millionen Menschen. Nur noch übertroffen wurde diese gesamtdeutsche Katastrophe von dem, was sich speziell in Brandenburg zutrug, wo – unglaublich, aber wahr – jeder zweite (!) Mensch – vom Baby bis zum Greis – durch den 30-jährigen Krieg starb.
In diesem Krieg von 1618 bis 1648 spielte Deutschland und insbesondere Brandenburg eine überaus wichtige Rolle – nämlich die des ohnmächtigen Schlachtfeldes, durch das auswärtige Mächte ungehindert marschieren konnten: Die Truppen des Kaisers (darunter sogar Soldaten aus dem fernen Kroatien), schwedische und andere Soldateska jeglicher Couleur zogen durch das weitgehend wehrlose Brandenburg, das im Zuge dieses Krieges in einigen Regionen sogar mehr als 60 Prozent der lokalen Bevölkerung verlor!
Diese Katastrophe biblischen Ausmaßes ist heute sogar selbst bei vielen Brandenburgern aus dem Blick geraten.
Konsequenz aus der Katastrophe
Dem erst 1680 (also nach dem 30-jährigen Krieg) zu Brandenburg gekommenen Magdeburg dürfte diese Tragödie ebenfalls noch „in den Knochen gesteckt“ haben: Die heutige Hauptstadt von Sachsen-Anhalt wurde 1631 während der „Magdeburger Hochzeit“ von katholischen Truppen in einem Maße regelrecht ausgerottet, dass von vorher etwa 30.000 Einwohnern nur noch 450 im Jahr 1639 übrig waren. Magdeburg brauchte etwa 170 Jahre, um sich von diesem Massaker zu erholen und erreichte erst wieder um das Jahr 1800 seine Einwohnerzahl von vor 1631.
Ganze Dörfer und Städte wurden damals entvölkert, die ansässige Bevölkerung dezimiert, die Wirtschaft zerstört. Wölfe breiteten sich wieder aus, weil durch den Tod der vielen Menschen nun mehr Platz für sie war. Brandenburg-Preußen hatte also gelernt, was es bedeutet, wehrlos zu sein – und hat diese Lektion verinnerlicht.
Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm (1620–1688), selbst Zeitzeuge dieser Katastrophe – er wurde als Jugendlicher in die sicheren Niederlande evakuiert, während seine Heimat in Schutt und Asche versank –, zog die einzig logische Konsequenz: Nie wieder durfte Brandenburg Spielball fremder Mächte werden.
„Unsere Armee ist unser Gebirge!“
Preußen besaß – ähnlich wie Polen – kaum natürliche Grenzen: Keine Alpen, keine Pyrenäen und keine Meeresarme, die Feind aufhalten oder wenigstens bremsen können. Das Land lag wie ein Blob auf der Landkarte offen in der norddeutschen Tiefebene, umzingelt von potenziellen – und echten – Gegnern. Und natürlich war Preußen daher häufiger in Kriege verwickelt als z.B. Portugal. Der Große Kurfürst baute konsequent ein stehendes Heer auf, das stark genug sein sollte, Kaiser, Schweden, Polen, Franzosen – und wer da noch als möglicher Invasor in Frage kam – gleichermaßen abzuschrecken.
„Unsere Armee ist unser Gebirge“, wäre vielleicht ein passendes Motto für Brandenburg-Preußen gewesen. Gleichzeitig musste die Armee diszipliniert genug sein, um die eigene Bevölkerung nicht nach Art der Landsknechte zu terrorisieren. Die Erfahrung des schwedisch-brandenburgischen Krieges 1674–1679, in dem schwedische Truppen erneut verheerend wüteten, unterstrich diese Notwendigkeit nur noch einmal. Die Brandenburger und Preußen wussten, was auch schon die alten Römer der Nachwelt mitgegeben hatten: „Si vis pacem para bellum“. Zu Deutsch „Wenn Du den Frieden willst, bereite Dich auf den Krieg vor!“ – oder noch deutlicher: „Bist Du stark, lassen die anderen Dich in Ruhe.“
Das Asyl, das der Große Kurfürst den evangelischen Franzosen – den Hugenotten – in seinem Preußen gewährte, war nicht nur ein uneigennütziger Gnadenakt. Vielmehr konnte der Herrscher erst mit ihrer Hilfe einige der noch immer vom Krieg menschenleer gefegten und brach liegenden Gegenden seines Reiches überhaupt wieder mit Menschen besiedeln, auch um sie wieder bewirtschaften zu lassen. Einige dieser französischen Ausländer hatten in Brandenburg-Preußen möglicherweise nicht einmal deutsche Nachbarn. Und zwar ganz einfach deshalb, weil diese alle tot waren.
Legenden und Realitäten
Auch der angeblich „blinde Kadavergehorsam“ Preußens ist zu großen Teilen eine Legende, genährt von späteren Feindbildern. Vielmehr wurde gerade der preußische Soldat zum Selberdenken aufgefordert: Helmuth von Moltke (1800–1891) wurde bei Militärs weltweit berühmt für seine sogenannte Auftragstaktik, bei der militärische Unterführer angehalten sind, selbst zu entscheiden, statt nur Befehle abzuwarten, und so flexibler auf die kaum vorhersehbaren Situationen des Krieges zu reagieren.
Auch die immer wiederkehrende Erzählung vom „Untertanengeist“ der preußischen Bürger hält einer Überprüfung nicht stand: Wer jemals die frechen Zeitungen und Zeitschriften der Kaiserzeit (damals gab es übrigens mehr Zeitungen als heute in Deutschland) durchblättert, erkennt eine lebendige, streitbare Presse ohne große Angst vor der Obrigkeit, mit brisanten Karikaturen, die auch vor Regierungsmitgliedern nicht Halt machten.
Doch zurück zum Großen Kurfürsten, der sich jedenfalls sich nicht mehr auf Kaiser und Reich verließ. Er schuf eigene Streitkräfte. Preußen entstand auch aus der Erkenntnis: Jedes Land hat eine Armee – entweder seine eigene oder die eines Besatzers.
Aus der Not geboren
Preußen war somit endlich gerüstet, doch im internationalen Vergleich war dieser Staat tatsächlich weniger kriegerisch als sein Ruf: Frankreich beispielsweise hat im selben Zeitraum erheblich mehr Kriege als Preußen geführt. Heute, wo in manchen Kreisen Preußen als Inbegriff des Militarismus gebrandmarkt wird, lohnt der erinnernde Blick zurück – nicht um Kriege zu verherrlichen, sondern um zu verstehen: Starke Verteidigung war für Brandenburg-Preußen keine Ideologie, sondern eine Frage des Überlebens. Wer die Verwüstungen und das grauenhafte Massensterben des 17. Jahrhunderts gesehen hatte, brauchte keine weiteren bitteren Lehren mehr als „Nie wieder wehrlos, nie wieder als Schlachtfeld fremder Mächte missbraucht werden!“