Warum der Iran im Westen zum Feindbild aufgebaut wird
Um es als provokante These vorwegzunehmen, behaupte ich, dass die Tatsache, dass die deutschen Medien und Politiker den Iran als Feind präsentieren, einmal mehr bestätigt, dass das heutige Deutschland keine eigenen Interessen hat, sondern ein Vasall ist, der nur den Interessen der USA dient. Und zwar auch jetzt, während der ungeliebte Trump dort regiert. Wie komme ich darauf?
Die Todsünde des Iran
Um zu verstehen, warum der Iran als das ultimativ Böse im Nahen Osten präsentiert wird, muss man in der Geschichte zurückgehen. Der Iran war einst eine britische Kolonie und sein Öl ging an Großbritannien. 1951 wurde Mohammad Mossadegh zum iranischen Premierminister gewählt und er wollte die iranische Ölindustrie verstaatlichen, also den Briten wegnehmen, damit die Iraner von ihren eigenen Bodenschätzen profitieren konnten. Das verhinderte die CIA, die einen Putsch gegen ihn organisierte und die Macht des Schahs festigte. Damit gingen die Ölquellen zum größten Teil an die USA über.
1979 hatten die Iraner von der Gewaltherrschaft des Schahs die Nase so voll, dass sie mehrheitlich die islamische Revolution unterstützten, die den Iran zu einer islamischen Republik machte. Und natürlich gerieten sie damit sofort in Konflikt mit den USA, die die neue iranische Regierung seitdem heftig bekämpfen und unter Sanktionen gestellt haben.
Dass der Iran als Feindbild aufgebaut wird, liegt nicht an seiner „Aggressivität“, denn er hat ja nie ein anderes Land angegriffen. Auch Israel übrigens nicht.
Ja, der Iran hat die Kräfte unterstützt, die den Unabhängigkeitskampf der Palästinenser unterstützen, und die deswegen im Westen als Terrororganisationen bezeichnet werden. Aber laut der UN-Resolution zur Gründung Israels hätte damals auch ein palästinensischer Staat gegründet werden sollen, was Israel (mit Unterstützung des Westens) bis heute verhindert und die Palästinenser brutal unterdrückt.
Der Vorwurf, der Iran bestreite Israels Existenzrecht, mag stimmen, aber dass Israel und der Westen das per UN-Resolution garantierte Existenzrecht eines palästinensischen Staates nicht nur bestreiten, sondern sogar verhindern, wird im Westen in dem Zusammenhang immer verschwiegen.
Aber darum soll es hier nicht gehen, hier geht es darum, dass eine Aussöhnung zwischen dem Iran und Israel wohl möglich gewesen wäre, wenn Israel bereit gewesen wäre, die Unterdrückung der Palästinenser zu beenden, oder zumindest auf ein vertretbares Maß abzuschwächen. So gesehen war die islamische Revolution im Iran sogar eine potenzielle Chance auf Frieden im Nahen Osten.
Das ist natürlich nur eine spekulative These von mir, aber die Wahrheit werden wir nie erfahren, denn die USA haben jede Annäherung des Iran an den Westen und Israel verhindert, indem sie ihn zum Feind Nummer 1 im Nahen Oster erklärt haben, weil die iranische Regierung die Frechheit besaß, selbst über die iranischen Ölquellen verfügen zu wollen, die die USA sich nach 1953 unter den Nagel gerissen hatten.
Ist der Iran ein brutales, islamistisches Regime?
Ich war mal im Iran und habe dort mit vielen Menschen gesprochen. Ja, nach europäischen Maßstäben haben Frauen dort zu wenig Rechte, aber sie können sich frei bewegen, Auto fahren, ins Parlament gewählt werden, arbeiten und so weiter. Ich habe Professorinnen kennengelernt und wir hören bei Medienberichten über Studentenproteste im Iran ja auch ständig, dass Frauen dort studieren dürfen. Ich habe dort junge Leute in der Öffentlichkeit Hand in Hand gehen sehen, was eigentlich verboten ist.
Als ich danach gefragt habe, wurde mir gesagt, dass diese Verbote niemanden interessieren. Allerdings gäbe es alle paar Wochen mal einen „Aktionstag“, an dem die Sittenwächter durchgreifen, was dann dazu führt, dass beispielsweise öffentlich händchenhaltende Pärchen auf eine Polizeiwache gebracht werden, wo man sie ein wenig ausschimpft, dass sie danach aber wieder nach Hause gehen können.
Man kann von diesen Vorschriften halten, was man will, aber der Iran ist sicher kein brutales und islamistisches Regime. Und in der Realität werden die Vorschriften weitaus weniger streng ausgelegt als auf dem Papier.
Man vergleiche das einmal mit Saudi-Arabien, das vom Westen als Freund und Verbündeter bezeichnet wird. Frauen haben dort noch weniger Rechte als im Iran, die Regierungsform ist die absolutistische Monarchie und ein Parlament gibt es nicht, während im Iran Parlament und Präsident gewählt werden. Beide Länder haben die Todesstrafe, aber in Saudi-Arabien wird sie in der Regel durch öffentliches Enthaupten auf dem zentralen Platz einer Stadt durchgeführt. Übrigens gab es 2025 in Saudi-Arabien so viele Hinrichtungen, wie noch nie: Es waren 345, also im Schnitt jeden Tag mehr als eine.
Besonders deutlich wird die Doppelmoral der deutschen Politiker übrigens gerade beim Beispiel Saudi-Arabien. Während Presse und Opposition von der Bundesregierung beispielsweise vor jeder Chinareise eines Regierungsmitgliedes fordern, auf die Menschenrechtslage oder auf die Rechte der LGBT-Community hinzuweisen, fehlen diese Aufforderungen immer dann, wenn deutsche Politiker nach Saudi-Arabien reisen, obwohl Homosexuelle dort mit dem Tode bestraft, also öffentlich enthauptet werden.
Wenn es der deutschen Regierung also um Menschenrechte und Demokratie ginge, müsste sie gegen Saudi-Arabien strenge Sanktionen verhängen, bevor sie sich dem Iran zuwendet.
Man kann über die iranische Staatsform denken, was man will, aber eines ist objektiv klar: Der Iran ist bei weitem nicht das undemokratischste, strengste oder islamistischste Land im Nahen Osten. Das kann also nicht der Grund für die anti-iranische Propaganda sein, der die deutsche Öffentlichkeit ausgesetzt ist.
Deutschland als Vasall der USA
Damit wären wir wieder beim Beginn des Artikels. Das deutsche Vorgehen gegen den Iran – die Sanktionen, Drohungen, harschen Erklärungen, etc. – sind nicht etwa damit begründet, dass der Iran Deutschland irgendetwas getan hätte oder deutsche Interessen stört oder gar die schlimmste und strengste Diktatur des Nahen Ostens wäre. Der einzige Grund dafür ist die Tatsache, dass die USA den Iran zum Feind erklärt haben und dass Deutschland dieser Vorgabe aus Washington so brav folgt, wie Kolonien dem Willen der Kolonialmacht folgen.
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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