Historiker lernen das Staunen – Neueste Forschung räumt mit alten Mythen auf

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Eine Revolution in der Gen-Analyse gibt völlig neue Einsichten: Allzu zeitgeistige Erzählungen über unsere Geschichte ge...

paz.de📅 14.06.2026

Mit dem Aufkommen der Radiokarbondatierung gerieten viele bislang als unumstößlich geltende Chronologien ins Wanken. So schrieb der britische Prähistoriker Colin Renfrew schon 1973: „In unseren Lehrbüchern steht vieles zur … Geschichte, was nicht ganz passt oder zum Teil sogar schlichtweg falsch ist.“ Heute erleben wir eine Neuauflage dieser Glaubwürdigkeitskrise der Geschichtswissenschaft – nunmehr verursacht durch die immer vielfältiger werdenden Möglichkeiten bei der Untersuchung sogenannter Alter DNA (aDNA), also der Reste von Erbgutmolekülen in toten Organismen, die den Siegeszug der Archäogenetik einläuteten.

Dem neuen Forschungszweig verdanken wir mittlerweile die Lösung etlicher Rätsel: Die Etrusker, über deren Herkunft man schon seit Ewigkeiten streitet, stammen neuesten aDNA-Analysen zufolge wohl von der Iberischen Halbinsel und nicht aus Anatolien oder anderswo im Osten. Desgleichen ist nun klar, dass das Reitervolk der Awaren, das 567 n. Chr. wie aus dem Nichts in der Pannonischen Tiefebene auftauchte und weite Teile Südosteuropas annektierte, zuvor in der mongolischen Steppe gelebt hatte und innerhalb nur einer einzigen Generation nach Westen vorgedrungen war. Ebenso fanden Archäogenetiker endlich das wahre Ursprungszentrum des „Schwarzen Todes“, also der verheerenden Pestepidemie ab 1346: Es lag am Fuß des Tienschan-Gebirges in Kirgisien, wo man schon 1338 die ersten Pestleichen begrub.

Die „schwarze Frau“ war blond

Im Übrigen weiß man jetzt aus aDNA-Analysen, dass Christoph Kolumbus jüdische Vorfahren hatte und das legendäre Findelkind Kaspar Hauser doch nicht der entführte leibliche Sohn des Großherzogs Karl Ludwig Friedrich von Baden und dessen Ehefrau Stéphanie de Beauharnais gewesen ist. Dieser Nachweis gelang der prominenten britischen Genetikerin Turi King, die auch die Erbgutreste an dem Stoff der Couch untersuchte, auf der Adolf Hitler am 30. April 1945 Selbstmord beging. Dabei fand King drei Dinge heraus: Zum Ersten hatte der „Führer“ definitiv keine jüdischen Wurzeln, wie oft spekuliert wurde, zum Zweiten gibt es aDNA-Hinweise auf eine manisch-depressive Psychose und zum Dritten litt der Diktator höchstwahrscheinlich unter dem Kallmann-Syndrom, einer genetisch bedingten Entwicklungsstörung der Keimdrüsen.

Wie diese Beispiele zeigen, brachte die Archäogenetik nicht zuletzt die Medizingeschichte voran. So widerlegte sie auch die zählebige Legende, dass das Europa des 15. und 16. Jahrhunderts die Quelle fast aller Infektionskrankheiten gewesen sei, welche die amerikanische Urbevölkerung dezimierten. Der Nachweis alter Bakterien-DNA belegt, dass Tuberkulose, Scharlach, Pocken und ähnliche Plagen schon lange vor der Ankunft der europäischen Eroberer in der Neuen Welt grassierten – wahrscheinlich als Mitbringsel bei der Besiedlung des Doppelkontinents über die Beringstraße vor 15.500 Jahren.

Darüber hinaus räumten die Archäogenetiker noch mit anderen politisch korrekten Ammenmärchen auf. Ein typisches Beispiel hierfür ist der Fall der „ersten bekannten schwarzen Britin“. 2012 verorteten schottische Wissenschaftler die Herkunftsregion der weiblichen Person aus dem 2. oder 3. Jahrhundert n. Chr., deren Überreste 2012 bei Beachy Head an der englischen Kanalküste gefunden wurden, südlich der Sahara. Andy Walton und William Marsh vom Natural History Museum London bewiesen dann jedoch im vergangenen Jahr durch ihre aDNA-Untersuchungen, dass die Frau aus Südengland stammte und blond gewesen war. Ähnlich brisant fielen die neueren archäogenetische Befunde zum Ursprung der mitteleuropäischen Landwirtschaft und zu den blutigen Folgen vergangener Migrationsvorgänge aus.

Lange wurde der Siegeszug von Ackerbau und Viehzucht in Mitteleuropa ausschließlich durch die Zuwanderung „anatolischer Lehrmeister“ erklärt. Nun erbrachte die Untersuchung des Erbmaterials aus jungsteinzeitlichen Gräbern im Elbe-Saale-Gebiet: Den ersten Bauern aus dem Nahen Osten, die vor 7.500 Jahren eintrafen, folgten alsbald Landwirte aus Nordeuropa und später zudem noch andere Nichtnomaden aus Osteuropa und dem Westen unseres Kontinents.

Zu den westeuropäischen Neusiedlern zählten auch die Träger der Glockenbecherkultur, die im Übergang von der Jungsteinzeit zur Kupferzeit vielfach als brutale Eroberer auftraten und vor 4000 Jahren fast die gesamte Urbevölkerung Britanniens verdrängten, wie aDNA-Profile beweisen. Auf weitere Ausrottungswellen zwischen 2500 und 2000 v. Chr. als Folge des Zustroms fremder Völker stießen die Archäogenetiker bei der Analyse des Genpools der Bevölkerung der Iberischen Halbinsel.

Reaktion: die Nazi-Keule

Die Behauptung, dass es zum Ende der Jungsteinzeit zu keinen größeren menschlichen Wanderungsbewegungen, sondern lediglich zu einer Weiterverbreitung neuer Kulturtechniken quer durch Eurasien gekommen sei, erwies sich somit als falsch. Erbgutlinien, die plötzlich für immer verschwinden oder das bisherige Genmaterial in einer Region komplett ersetzen, sprechen eine unmissverständliche Sprache und zeugen von den tödlichen Gefahren, die aus Massenmigration resultieren können.

Angesichts all dessen wird natürlich Kritik an den oft wenig zeitgeistkonformen Befunden der Archäogenetiker laut. Dabei findet manchmal sogar die Nazi-Keule Verwendung. So meinte der Archäologe Volker Heyd von der University of Bristol, die Fokussierung auf die biologischen Aspekte der Geschichte gemahne an die Vorgehensweise von deutschen Prähistorikern wie Gustaf Kossinna, deren Thesen die nationalsozialistischen Ideologen inspiriert hätten.

Und die Anthropologieprofessorin Ann Horsburgh von der Southern Methodist University in Dallas, USA, klagte über den „molekularen Chauvinismus“ vieler Archäogenetiker, wonach sie an die Ausgräber appellierte, genau zu prüfen, welches Material für DNA-Analysen herausgegeben werden sollte. Das legt den Schluss nahe, dass es manchen Wissenschaftlern lieber wäre, wenn Relikte aus der Vergangenheit, deren Untersuchung die politischen Dogmen von heute erschüttern könnte, für immer in den Tiefen der Magazine verschwänden.

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