Was Selensky in seinem offenen Brief geschrieben und warum Putin ein Treffen mit Selensky abgelehnt hat

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Am 4. Juni hat der ukrainische Machthaber Selensky einen offenen Brief an den russischen Präsidenten Putin veröffentlich...

anti-spiegel.ru📅 09.06.2026
Ukraine-Krieg

Was Selensky in seinem offenen Brief geschrieben und warum Putin ein Treffen mit Selensky abgelehnt hat

Selensky hat Putin einen offenen Brief geschrieben. Der Spiegel berichtet, Selensky habe darin ein Treffen mit Putin zur Beendigung des Krieges vorgeschlagen, aber Putin habe „Gesprächen eine Absage“ erteilt. Was stand in Selenskys Brief und was hat Putin darauf tatsächlich geantwortet?

Am 4. Juni hat der ukrainische Machthaber Selensky einen offenen Brief an den russischen Präsidenten Putin veröffentlicht. Der Spiegel berichtete darüber unter der Überschrift „Rede in Sankt Petersburg – Selenskyj macht ein Angebot – wie reagiert Putin?“ und hat den Lesern des Spiegel den Inhalt des Briefes natürlich verschwiegen, und stattdessen in dem Artikel eine eigene Zusammenfassung des Briefes geschrieben. In der Einleitung des Spiegel-Artikels heißt es:

„Der ukrainische Präsident hat direkte Gespräche mit seinem russischen Kriegsgegner vorgeschlagen, auf neutralem Boden. US-Präsident Trump reagiert wohlwollend. Beim Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg ist nun Putin am Zug.“

Viel mehr erfahren Spiegel-Leser auch in dem Artikel nicht.

Bei der Podiumsdiskussion des Petersburger Wirtschaftsforums wurde Putin einen Tag später nach dem Brief und seiner Reaktion gefragt. Der Spiegel titelte darüber „Russlands Krieg gegen die Ukraine – Putin lehnt Gespräche mit Selenskyj ab“ und schrieb in der Einleitung des kurzen Artikels:

„Russlands Machthaber hat Gesprächen mit der Ukraine eine Absage erteilt. Selenskyj hatte Putin in einem offenen Brief ein direktes Treffen angeboten.“

Für den Spiegel-Leser ist damit alles klar: Selensky bietet Friedensgespräche an, aber der Kriegstreiber Putin will nicht reden. Aber ist das wirklich so?

Um das zu verstehen, müssen wir uns sowohl Selenskys offenen Brief als auch Putins Antwort anschauen. In diesem Artikel werden wir das tun und ich habe sowohl Selenskys Brief als auch Putins Antwort komplett übersetzt. Dies wird also mal wieder ein sehr langer Artikel, aber die Vorgänge kann nur verstehen und beurteilen, wer sich die Originalquellen anschaut, und nicht das, was andere, wie beispielsweise der Spiegel, darüber berichten.

Vorweg nur noch eines: In keinem Krieg der Weltgeschichte wurden Verhandlungen öffentlich oder gar über offene Briefe geführt. Wer ernsthaftes Interesse an Verhandlungen hat, nutzt dafür diplomatische Kanäle. Offene Briefe sind per Definition PR, was bedeutet, dass Selenskys Brief nicht in erster Linie an Putin gerichtet war, sondern an die Öffentlichkeit. Was das über die Ernsthaftigkeit von Selenskys Gesprächsangebot aussagt, kann sich jeder selbst überlegen.

Selenskys offener Brief im Wortlaut

Kommen wir nun zu dem offenen Brief, den Selenskys Büro veröffentlicht hat.

Beginn der Übersetzung:

Offener Brief

An den Präsidenten der Russischen Föderation

Vom Präsidenten der Ukraine

Als Sie vor über 26 Jahren in Russland an die Macht kamen, sahen viele Menschen in der Ukraine Sie positiv. So war es. Doch das ist Vergangenheit.

Heute sieht die überwältigende Mehrheit der Ukrainer es positiv, dass unsere Langstreckendrohnen der Eröffnung Ihres Forums in St. Petersburg einen Besuch abstatteten und dabei eine Strecke von über 1.000 Kilometern zurücklegten. Wie Sie genau wissen, ist diese Entfernung nicht die Grenze unserer Fähigkeiten.

Während Ihrer 26-jährigen Herrschaft hat sich die Agenda der Beziehungen zwischen der Ukraine und Russland grundlegend verändert. Von Gesprächen über Handel und andere zivile Angelegenheiten sprechen unsere Nationen nun fast ausschließlich über Angriffe und Verluste.

Fast die Hälfte Ihrer 26 Jahre an der Macht in Russland haben Sie mit Krieg gegen die Ukraine verbracht.

Was auch immer Sie über die NATO, Geopolitik oder die russische Sprache sagen mögen, dieser Krieg ist Ihre persönliche Entscheidung – ein Krieg ohne wirklichen Grund. So wird die Geschichte ihn in Erinnerung behalten.

Diese Jahre hätten ganz anders verlaufen können.

Wir hören oft, dass Sie sich mit diesem Krieg wohl fühlen. Natürlich nicht, wenn es um die Sicherheit Ihrer Residenz in Waldai oder Ihrer Parade in Moskau geht. Ihr eigenes Leben ist Ihnen wichtig.

Doch nun sehen wir alle, dass sich die Russen mit dieser Realität zunehmend unwohl fühlen – mit der Tatsache, dass der Krieg Russland immer angenehmere negative Folgen bringt.

Sie mögen unsere Drohnen und Raketen nicht.

Sie mögen die Benzinknappheit und die ständig steigenden Preise nicht.

Sie mögen die ständigen Einschränkungen nicht.

Sie mögen Ihre Absicht nicht, eine zweite Mobilisierungswelle auszulösen, um den Krieg in die Ukraine auszuweiten oder ihn gegen andere Nachbarländer Russlands zu führen.

Sie mögen es nicht, dass kein Ende Ihres Krieges in Sicht ist.

Ja, Sie können die Russen noch immer zwingen, so zu leben. Aber Ihre Ressourcen schwinden stark.

Sie werden nicht mehr über genügend Geld und politisches Kapital verfügen, um die Loyalität der Russen weiterhin so zu erkaufen, wie Sie es in den letzten 26 Jahren getan haben.

Und wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um sicherzustellen, dass die Welt hilft, diesen Moment herbeizuführen.

Wie Sie selbst gerne sagen: „Wir müssen die Zahlen prüfen.“

Gestern erhielt ich einen Bericht über die Verluste Ihrer Armee an der Front in der Ukraine im Mai. Erneut überstieg die Zahl der getöteten und schwer verwundeten russischen Soldaten 30.000. Wir halten dieses Niveau Monat für Monat aufrecht und verfügen über Videobeweise für jeden einzelnen Ihrer Verluste – das sind keine leeren Behauptungen.

Wir wissen, dass 63 Prozent Ihrer Verluste auf dem Schlachtfeld auf Gefallene zurückzuführen sind, während nur 37 Prozent verwundet sind. Im 21. Jahrhundert kann sich keine Armee ein solches Verhältnis leisten. Und der Anteil der Gefallenen wird weiter steigen.

Es ist nicht so, als ob wir in der Ukraine uns nach all dem, was Ihr Krieg unserem Land gebracht hat, um das Schicksal russischer Soldaten scheren würden.

Aber mir liegen die Ukrainer am Herzen.

Wir verlieren unsere Leute, und jeder Verlust schmerzt uns. Selbst wenn das Verhältnis der ukrainischen zu den russischen Verlusten eins zu fünf oder eins zu sechs beträgt, ist das immer sehr wichtig.

Es ist auch wichtig, dass Sie Ihre eigenen Fristen für die Eroberung unserer Regionen – insbesondere der Region Donezk – regelmäßig, alle paar Monate, verschieben. Und auch in diesem Jahr werden Sie sie nicht erobern.

Aber wir in der Ukraine wollen keinen permanenten Krieg. Wir wissen sehr wohl, dass ein Leben ohne Krieg unendlich viel besser ist. Und das wollen wir erreichen.

Ich bin überzeugt, dass die Mehrheit der Russen dies ebenfalls positiv bewerten würde – und Sie wissen das.

Viele glaubten nicht, dass die Ukraine so lange durchhalten würde. Sie glaubten es nicht. Und auch Ihre Berater glaubten es nicht. Das war ein Fehler.

Sie haben keinen umfassenden Widerstand der Ukraine erwartet und nicht vorhergesehen, dass es so weit kommen würde. Und jetzt sind wir hier – im fünften Jahr dieses umfassenden Krieges.

Haben Sie keine Angst, den Weg aus diesem Krieg zu gehen. Das ist jetzt das Wichtigste, was von Ihnen verlangt wird.

Die Ukraine hat ihre Unabhängigkeit bewahrt. Und sie wird sie bewahren. Trotz aller gegenteiligen Vorhersagen.

Wir haben viele Menschen weltweit vereint, um an der Seite der Ukraine und gegen Sie zu stehen. Wir haben die Waffen und die Finanzierung gefunden, die wir brauchten.

Wir erhalten Unterstützung. Sie erhalten Sanktionen. Und das wird so weitergehen, bis Gerechtigkeit für die Ukraine herrscht – die Gerechtigkeit, die wir anstreben, und die Gerechtigkeit, die erreicht werden kann.

Wir werden nicht zulassen, dass diejenigen Erfolg haben, die Sie davon überzeugen wollen, dass die Sanktionen gegen Russland deutlich gelockert und die Unterstützung für die Ukraine deutlich reduziert wird, ohne dass sich Ihre Haltung gegenüber der Ukraine wesentlich ändert. Das Beispiel Orbáns zeigt, wie diejenigen, die Russland in seinem Krieg gegen uns unterstützen, in Schande enden.

Die Ukraine hat harte Winter ertragen, während Sie versucht haben, unser Energiesystem zu zerstören. Wir haben standhaft durchgehalten – und selbst in der Dunkelheit blieb die Widerstandsfähigkeit der Ukrainer ungebrochen.

Wir haben den Krieg auf Ihr Territorium gebracht, und ohne die Hilfe Nordkoreas hätten Sie ihn nicht bewältigen können. Sie sind der erste russische Herrscher, der sich an Pjöngjang um Hilfe wendet.

Und heute sind Sie – ebenfalls zum ersten Mal in der russischen Geschichte – vollständig von China abhängig.

Sie glaubten, die Ukrainer seien nicht stark genug, sich selbst zu verteidigen. Doch heute hilft unser Volk unseren Partnern im Nahen Osten und am Golf beim Aufbau ihrer eigenen Verteidigung.

Sie hofften auf innere Ruhe in der Ukraine. Stattdessen meuterten Ihre eigenen Militäreinheiten gegen Sie. Der 23. Juni markiert einen weiteren Jahrestag dieses Ereignisses, und Schweigen wird diese Tatsache nicht aus der Geschichte tilgen.

Und nun sind Sie es, auf den Ihre eigenen Beamten, Geschäftsleute und Propagandisten mit sichtlicher Müdigkeit blicken. Die Welt kann es sehen.

Die Welt ist der Ukraine nicht überdrüssig geworden, wie Sie es lange erhofft hatten. Doch die Russlandmüdigkeit wächst – selbst unter jenen in der übrigen Welt, die Ihnen helfen, Sanktionen zu umgehen und Ihre Wirtschaft am Laufen zu halten.

Das können Sie nicht übersehen. Nach 26 Jahren an der Macht macht sich das Alter bemerkbar. Und mit der Zeit wird die Unzufriedenheit mit Ihnen nur noch zunehmen.

Wir haben Geheimdienstberichte gesehen, die zeigen, dass Sie nun Pläne erwägen, den Krieg bis 2027 und 2028 fortzusetzen. Wir wissen auch, dass Sie hoffen, mit ballistischen Raketen das zu erreichen, was bisher alles andere nicht geschafft hat. Sie wollen Weißrussland noch tiefer in diesen Krieg hineinziehen, und wir sind nun gezwungen, uns auch darauf vorzubereiten. Wir sehen, dass Sie versuchen, etwas im Zusammenhang mit Transnistrien zu inszenieren. Ihre Propagandisten bedrohen auf die eine oder andere Weise jedes Land, das an Russland angrenzt. Wollen Sie das wirklich alles durchmachen?

Sie haben jetzt die Wahl.

Genug vom Krieg.

Die Ukraine schlägt vor, diesen Krieg zu beenden.

Das muss ehrlich, würdevoll und mit Garantien geschehen, dass der Krieg nicht wieder aufflammt.

Wir sehen, dass die USA sich voll und ganz auf die Iran-Frage konzentrieren, und es wäre falsch, einfach abzuwarten, bis der Krieg in Europa wieder im Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit steht.

Die Ukraine schlägt vor, diesen Krieg durch einen direkten Dialog zwischen uns – mir und Ihnen – zu beenden.

Ich schlage ein Treffen vor.

Jeder hat gehört, wie Ihre Vertreter lächelnd sagten, ich könne angeblich nach Moskau kommen. Doch nach diesen 26 Jahren gibt es für einen ukrainischen Staatschef in Ihrer Hauptstadt nichts zu tun – genauso wenig wie für einen russischen Staatschef in Kiew.

Es gibt Länder, die traditionell Staatschefs empfangen, um Fragen von Krieg und Frieden zu lösen. Die Schweiz, die Türkei, die Länder der arabischen Welt – viele sind in der Lage und bereit, ein solches Treffen auszurichten.

Es sind die Staatschefs, die die Schlüsselfragen lösen. Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben.

Ich schlage vor, einen konkreten Termin für ein solches Treffen festzulegen.

Wir haben gehört, dass Ihnen in Alaska die Lösung bestimmter Fragen, die die Ukraine und Europa betreffen, versprochen wurde. Aber Sie selbst sehen, dass ukrainische und europäische Fragen nicht in Anchorage entschieden werden.

Weitere vereinbarte Teilnehmer könnten sich dem zwischen uns einzurichtenden bilateralen Dialog anschließen.

Da der Krieg in Europa stattfindet und die Ukraine Sicherheitsgarantien benötigt, während auch Sie Sicherheitsgarantien für sich selbst anstreben, wäre es logisch, diejenigen einzubeziehen, die aufrichtig als Garantiegeber fungieren können.

Wir glauben, dass Europa Teil dieses Prozesses sein sollte – die, die tatsächlich Einfluss auf die Situation nehmen können.

Wir glauben auch, dass die USA Teil dieses Prozesses sein müssen. Das könnte dazu beitragen, eine neue Sicherheitsarchitektur für unsere Region zu gestalten.

Wir haben bereits viele Abkommen mit Russland erlebt, darunter die Minsker Vereinbarungen, die letztlich gescheitert sind. Deshalb müssen wir zunächst direkt untereinander Antworten auf die offenen Fragen finden und uns nicht hinter Formeln, technischen Arbeitsgruppen oder endloser, in der Pendeldiplomatie verlorener Zeit vor schwierigen Themen verstecken.

Ihr Krieg hat die Ukraine und Russland für immer entzweit.

Die heutige Frontlinie ist der Punkt, an dem die Diplomatie beginnen muss.

Die Ukraine ist bereit für einen vollständigen Waffenstillstand für die Dauer der Verhandlungen. Das ist gängige Praxis, und die aktuellen Entwicklungen im Iran bekräftigen das nur. Der Versuch, eine echte Waffenruhe zu erreichen, ist der beste Weg, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Wir glauben, dass das nicht nur ein Versuch, sondern ein echter Waffenstillstand wäre – falls Sie das wünschen.

Sie wissen, dass die USA die Möglichkeit haben, einen Waffenstillstand entlang der Demarkationslinie zu überwachen.

Die Ukraine ist bereit für einen vollständigen Gefangenenaustausch, und dies könnte ein guter Auftakt für die Beendigung des Krieges sein.

Es müssen dringend Schritte unternommen werden, um die Zivilisten und Kinder zurückzubringen, die während des Krieges verschleppt wurden.

Wir müssen entscheiden, welche Zukunft die nachfolgenden Generationen von Ukrainern und Russen erwartet.

Wenn Sie persönlich nicht zu dem Schluss kommen, dass es Zeit ist, diesen Krieg zu beenden, wird die Ukraine weiter um ihr Überleben kämpfen. Wir werden unsere Unterstützung haben.

Aber auch Sie werden viel härter für Ihr eigenes Überleben kämpfen müssen – nicht für das Russlands, sondern für Ihr eigenes. Und das ist keine Drohung von mir oder der Ukraine. Es ist eine Tatsache der russischen Geschichte, die Sie gut kennen: Wenn Russland müde wird, kommt der Wandel.

Wir können auf diese Müdigkeit hinarbeiten.

Sie können Ihren Krieg beenden.

Ewiges Gedenken an alle, die in diesem Krieg ihr Leben verloren haben.

Heil der Ukraine!

Ende der Übersetzung

Wie ich den Brief verstehe

Ich gebe hier meinen Eindruck des Briefes in aller Kürze wider, dem geneigten Leser steht es frei, zu einem anderen Schluss zu kommen.

In der ersten Hälfte des Briefes ist der Ton beleidigend und Selensky greift Putin persönlich an und droht ihm in dem Brief sogar persönlich. Das ist Selenskys bekannter Stil, keine Frage, und sollte niemanden verwundern.

Nur stellt sich die Frage, ob man in einem Konflikt Gespräche zur Lösung des Konfliktes mit Drohungen und Beleidigungen beginnt und ob ein solcher Stil den anderen zur Aufnahme von Gesprächen motiviert. Oder ob damit nicht das exakte Gegenteil erreicht wird (und auch erreicht werden soll)?

Meiner Meinung nach letzteres, denn Selensky hat bisher keine Verhandlungsbereitschaft gezeigt und dieser Brief, das zeigt der Ton, in dem er verfasst ist, soll bei Putin keine Verhandlungsbereitschaft auslösen. Der Brief enthält aber einige kurze Passagen, die nach echter Gesprächsbereitschaft Selenskys klingen – und genau die haben deutsche Medien wie der Spiegel dann auch brav zitiert, während sie ihren Lesern die beleidigenden Passagen und die offenen Drohungen verschwiegen haben.

Das bestätigt, was ich eingangs geschrieben habe: Offene Briefe sind reine PR, also zur Beeinflussung der Öffentlichkeit gedacht. Und aus dieser Perspektive war Selenskys Brief sehr gut, denn deutsche und generell westliche Medien konnten daraus die Passagen zitieren, die dem Publikum suggerieren, Selensky wolle verhandeln, während sie die absehbare Ablehnung von Gesprächen durch Putin als dessen Wille zum Krieg präsentieren konnten. Nationalistische ukrainische Medien hingegen konnten die höhnischen und beleidigenden Passagen zitieren und damit Selenskys angebliche Stärke und Willenskraft unterstreichen.

Der offene Brief war so formuliert, dass jeder Ukraine-Unterstützer, egal ob er Frieden oder die Fortsetzung des Krieges will, darin Passagen finden konnte, die er zitieren konnte. Aus Sicht der PR war der Brief also sehr gut.

Aber er war, so verstehe ich das, kein auch nur ein wenig ernst gemeintes Gesprächsangebot.

Putins Antwort

Kommen wir nun zur Podiumsdiskussion auf dem Petersburger Wirtschaftsforum. Ich habe die Frage der Moderatorin, einer bekannten indischen Journalistin, und Putins Antwort komplett übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Mohan: Ich verspreche, wir werden uns auf wirtschaftliche Fragen beschränken. Da ich jedoch Journalistin bin, muss ich einfach fragen.

Der ukrainische Präsident Wladimir Selensky hat einen offenen Brief geschrieben. Darin hat er nicht nur direkte Verhandlungen vorgeschlagen, sondern Ihnen auch direkt gedroht und dies Ihren Krieg genannt. Er sagte: „Unsere Drohnen über tausend Kilometer zu Ihrem Forum nach St. Petersburg geflogen und haben ihm einen Besuch abgestattet.“ Er sagt, das sei Ihre Entscheidung, es gäbe keinen wirklichen Grund für diesen Krieg. Und was die Sicherheit Ihrer Residenz Waldai oder der Parade angeht, sagt er, dass Ihnen Ihr Leben wichtig sei und Sie weiterhin für Ihre eigene Existenz kämpfen müssten, nicht für die Russlands. Er schlug vor, einen Termin für ein Treffen zu vereinbaren.

Was können Sie darauf sagen?

Putin: Was die Residenz oder die Parade betrifft, das geht es nicht um mich selbst. Später gaben sie uns Informationen dazu und sagten: „Wir wussten, dass Sie nicht in der Residenz waren“ und so weiter. Warum sie das tun, ist eine andere Frage.

Gestern zeigte mir mein Pressesprecher Herr Peskow diesen Brief. Wir hatten jedoch ein Arbeitstreffen, ein Arbeitsessen mit dem Präsidenten von Usbekistan, daher bin ich ehrlich gesagt nicht dazu gekommen, ihn anzusehen. Heute Morgen steckte mir Peskow das Papier erneut zu. Ich überflog es kurz, aber immerhin. Es gibt ein paar Dinge, auf die ich hinweisen möchte.

Erstens: Er, der Verfasser des Briefes, erwähnte mein Alter. Nun, was soll ich sagen? Natürlich sollte jeder über sein Alter nachdenken, aber mir scheint, dass viele andere Politiker in meinem Alter ihre Aufgaben erfüllen, einige von ihnen sind älter als ich. Das Wichtigste ist nicht das Alter… (Applaus im Saal)

Das ist natürlich wichtig, aber das Alter ist nicht das Wichtigste, es sind Leistungsfähigkeit und Arbeitsmoral. Und einige meiner Kollegen, die, ich wiederhole, älter sind, zeigen ausreichend Energie. Ob sie sich gut oder schlecht schlagen, ist eine andere Frage, eine politische Beurteilung, aber insgesamt arbeiten sie aktiv.

Nun lenkte er die Aufmerksamkeit auf die Dauer meiner Amtszeit in den wählten Ämtern, in die ich gewählt wurde. Das ist natürlich ein wichtiger Punkt. Aber man muss wählen gehen, darf keine Angst davor haben und muss sich stets an die Verfassung halten, denn Machtausübung außerhalb der Verfassung ist Machtanmaßung und eine Straftat. Deshalb: Keine Angst, gehen Sie wählen! Ich rate jedem, dasselbe zu tun, insbesondere da in der Ukraine von baldigen Wahlen die Rede war, nun aber Stillschweigen herrscht. Warum, ist unklar.

Der Verfasser weist außerdem darauf hin, dass man sich nicht an die in Anchorage getroffenen Vereinbarungen halten müsse und dass man echte Garantiegeber für mögliche Abkommen zwischen Russland und der Ukraine in Europa suchen müsse. Zuverlässige Garantiegeber sind wahrscheinlich immer hilfreich, aber warum der amerikanischen Regierung und Präsident Trump eine solche Rolle verweigert wird, verstehe ich nicht ganz. Sie wollen Waffen aus den USA, aber aus irgendeinem Grund wollen sie die US-Regierung und Präsident Trump nicht als Garantiegeber. Das wirft Fragen auf.

Aber wir alle haben gesehen, wie Donald den Verfasser dieses Briefes vor den Augen Welt zurechtgewiesen und auf die Kleiderordnung bestanden hat, verstehen Sie? Immer den „Rambo: First Blood“ zu machen, mag an manchen Orten angebracht sein, aber nicht überall. Das das erste. Und was die Manieren angeht: Insgesamt möchte ich Donald für seine Arbeit danken, sie ist auf jeden Fall nützlich, aber es gibt noch viel zu tun. Wir müssen weitermachen. (Applaus im Saal)

Nun zum Wichtigsten: Da die ukrainische Seite es für möglich gehalten hat, unsere Beziehungen in diesem Bereich öffentlich zu thematisieren und eine öffentliche Diskussion, eine öffentliche Debatte anzustoßen – was meiner Meinung nach nicht ganz richtig, wenn nicht gar falsch ist –, gibt mir das die Gelegenheit und das Recht, über Dinge zu sprechen, die nur wenige oder gar niemand weiß.

Worum geht es? Und das ist ernst gemeint, ohne Ironie, ohne Scherz.

Vor drei Wochen rief mich ein Vertreter unserer Wirtschaftskreise an und stellte eine Frage. Ich kenne den Mann schon lange, wir haben keinen engen Kontakt, aber ich vertraue ihm, er ist ein anständiger Mensch. Er rief an und sagte: „Wladimir Wladimirowitsch, ich bin nach Kiew eingeladen.“ Ich sagte: „Na dann, bitte gehen Sie. Was habe ich damit zu tun?“ „Ich wollte Ihnen davon erzählen, weil wir sicher einige Fragen zu den Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern besprechen werden.“

Ich sagte ihm: „Hören Sie, ich kann Sie in keiner Funktion entsenden. Das sollte von erfahrenen, speziell geschulten Mitarbeitern des russischen Außenministeriums, des Verteidigungsministeriums und anderer Behörden bearbeitet werden, genau wie bei unseren Gesprächen in Istanbul. Und ich kann Ihnen keinerlei Befugnisse erteilen.“ Er sagte: „Ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass ich eingeladen bin. Ich würde hingehen, zuhören und Ihnen dann berichten, worum es da geht.“ Ich sagte: „Bitte, ich kann es Ihnen nicht verbieten, fahren Sie.“

Er reiste nach Kiew und traf sich mit diesem Herrn, dem Verfasser dieses Briefes, in dessen Residenz, nicht in Waldai. Er kehrte zurück, und ich traf ihn. Abgesehen von den Kleinigkeiten ist das Wichtigste, dass Herr Selensky um ein Treffen bat. Ich sagte: „Ich habe das nie abgelehnt.“ Aber Treffen bedeuten, wie man hier so schön sagt, oft nur heiße Luft, das weiß ich, ich habe es oft erlebt.

Ich glaube, es wird auf die Minsker Vereinbarungen angespielt. Wir haben die ganze Nacht an diesen Minsker Abkommen gearbeitet, und dann stellte sich heraus, dass es sich – laut Aussagen der Regierungschefs der Bundesrepublik Deutschland und Frankreichs – um nichts weiter als leere Versprechungen handelte. Das gesamte Minsker Abkommen diente nur einem Zweck: Zeit zu gewinnen, um die Ukraine wieder aufzurüsten. Wozu brauchen wir solche Abkommen?

Deshalb sagte ich: „Ich sehe keinen Sinn in einem Treffen.“ Für die ukrainische Seite geht es einzig und allein darum, den Vormarsch unserer Streitkräfte zu stoppen. Wir brauchen aber Abkommen nicht für sechs Monate, nicht für drei Monate, sondern mit einer langfristigen historischen Perspektive. Die Experten sollen arbeiten, Lösungen erarbeiten, und dann können wir uns treffen, wie gesagt, bei der Unterzeichnung von Dokumenten anwesend sein oder sogar etwas unterzeichnen. Aber zuerst müssen wir eine Lösung finden.

Und das ist das Wichtigste, und das Publikum wird mich verstehen, insbesondere das russische. Es war, glaube ich, der 22. Mai, als ukrainische Truppen einen grausamen Terroranschlag auf ein Studentenwohnheim in der Volksrepublik Lugansk verübten, bei dem Kinder und Jugendliche getötet wurden. Es war ein entsetzliches Verbrechen. Dort befand sich keine einzige militärische Einrichtung, nicht einmal ein einziges Militärfahrzeug war in der Nähe.

Am Morgen rief ich diesen Kollegen, der nach Kiew gefahren war, an und fragte ihn: „Was bedeutet das?“ Sie bitten um ein Treffen und begehen so entsetzliche Verbrechen wie Mord an Kindern. Was bedeutet das? Er sagte: „Ich habe keine Erklärung. Sie rufen mich jetzt wieder an, ich werde mit ihnen sprechen und Sie dann informieren.“ Ich sagte: „Bitte schön.“ Ich habe nicht wieder mit ihm gesprochen.

Und dieser Brief, den Sie gerade erwähnt haben, enthält tatsächlich einige dreiste Elemente. Soll damit die Grundlage für persönliche Treffen und Verhandlungen geschaffen werden, oder soll ein Klima geschaffen werden, in dem persönliche Treffen überhaupt unmöglich sind? Ich denke, Letzteres.

Deshalb sollten wir uns nicht an die Verfasser dieses Briefes wenden, nicht an Liebhaber der Briefliteratur, sondern an unsere Soldaten an der Front. (Applaus im Saal)

Und nun wende ich mich an sie: Genossen, Soldaten und Matrosen! Genossen, Unteroffiziere und Feldwebel! Genossen, Offiziere, Admiräle und Generäle! Das ganze Land blickt auf Sie, das ganze Land ist stolz auf Sie und setzt seine Hoffnungen in Sie. Arbeitet, Brüder! (Applaus im Saal)

Mohan: Nun, ich nehme an, das heißt nein, Sie werden den Verfasser des Briefes nicht treffen.

Putin: Bisher sehe ich darin keinen Sinn.

Ende der Übersetzung

Was die abschließenden Worte Putins bedeuten

Hinter den Kulissen ist noch einiges mehr passiert, was inzwischen bekannt geworden ist und erklärt, warum Putin ausdrücklich gesagt hat, man solle sich nicht an den Verfasser des Briefes, sondern an die Soldaten an der Front wenden. Was da passiert ist, dazu kommen wir gleich noch.

Zunächst etwas zum Verständnis, denn für deutsche Leser dürfte sich nicht erschließen, welche Bedeutung die letzten Sätze von Putin haben, warum er sich an die russischen Soldaten gewandt hat und dabei nach einer so pathetischen Anrede aller möglichen Dienstgrade nur die Worte „Arbeitet, Brüder!“ gesagt hat.

Die Anrede an die Soldaten, bei der alle möglichen Dienstgrade genannt werden, ist ein traditionelles Element aus den Reden der Mai-Parade, in der Russland den Sieg über Nazi-Deutschland feiert. Diese Anspielung auf die Parade und damit auf die Notwendigkeit, auch in diesem Krieg einen totalen Sieg zu erringen, ist für jeden Russen offensichtlich.

Der Ausruf „Arbeitet, Brüder!“ ist an der Front entstanden, wo sich die russischen Soldaten nur mit „Bruder“ anreden und wo das Geräusch von feuernder Artillerie von allen, egal, ob Soldat oder Zivilist, von dem Ausruf „Arbeitet, Brüder!“ begleitet wird. „Arbeitet, Brüder!“ ist also der an der Front entstandene Aufruf, den Gegner anzugreifen.

Zusammengenommen hat Putin sich damit unter Berufung auf den Krieg gegen Nazi-Deutschland an die Soldaten gewandt und sie aufgefordert, weiter anzugreifen.

Übrigens gab es darauf im russischen Internet ungezählte Reaktionen, in denen Soldaten Videos von der Front gepostet haben, in denen Sie Putin geantwortet haben, den Befehl verstanden zu haben und zum Zeichen dessen beispielsweise ein Artilleriegeschütz abgefeuert haben.

Was danach passiert ist

Was genau hinter den Kulissen passiert ist, wissen wir natürlich nicht, aber zumindest einiges ist danach noch bekannt geworden.

Wie gesehen, hat Putin erzählt, ein russischer Geschäftsmann sei nach Kiew gereist und dort habe Selensky mit ihm reden wollen. Solcher Vermittlerdienste hinter den Kulissen sind keineswegs ungewöhnlich. Putin hat kaum Details und keine Namen genannt.

Selensky war da einige Tage später gesprächiger. Die Financial Times berichtete am 7. Juni, der russische Geschäftsmann Roman Abramowitsch habe Kiew besucht und sich mit Selensky getroffen.

Am 8. Juni legte Selensky bei seinem Besch in London zum Treffen mit Kanzler Merz, Präsident Macron und Premier Starmer in einem Interview mit der Sky-News-Journalistin Jalda Hakim nach. Er bestätigte den Besuch von Abramowitsch, stellte es jedoch als russische Initiative dar. Auf die Frage der Reporterin nach dem herablassenden Ton, in dem sein offener Brief abgefasst war, lachte Selensky und sagte, sie habe die erste Version nicht gesehen.

Hier stellt sich wieder die Frage, die ich schon gestellt habe: Verhält sich jemand so, der ernsthaft an Verhandlungen interessiert ist?

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