„Einfach den Knopf drücken und das Gas fließt schon morgen“

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Man kann die Politik der Bundesregierung nur als selbstmörderisch bezeichnen, denn angesichts der Energiekrise und der e...

anti-spiegel.ru📅 09.06.2026
Ein russischer Blick auf Nord Stream

„Einfach den Knopf drücken und das Gas fließt schon morgen“

Putin hat auf einer Podiumsdiskussion daran erinnert, dass die Energiekrise in Deutschland recht leicht zu lösen oder zu lindern wäre, da ein Strang der Nord Streams noch besteht und Russland weiterhin bereit ist, Deutschland Gas zu liefern. In Russland versteht man die Politik der Bundesregierung nicht.

Man kann die Politik der Bundesregierung nur als selbstmörderisch bezeichnen, denn angesichts der Energiekrise und der explodierten Energiepreise, die unbestritten zur Deindustrialisierung Deutschlands führen, und der hinzu kommenden Probleme mit der Straße von Hormus weigert sich die Bundesregierung weiterhin, der deutschen Industrie zu helfen, indem sie Lieferungen von billigem russischem Gas durch die noch bestehende Röhre von Nord Stream 2 genehmigt.

Putin hat sich dazu letzte vor Journalisten geäußert und daran erinnert, dass es immer noch einen gültigen Gasliefervertrag zwischen Gazprom und deutschen Energieversorgern gibt, der die niedrigen Preise sogar garantiert. Es ist schließlich nicht Gazprom, das den Vertrag nicht erfüllt, sondern es ist Deutschland, das die Pipeline nicht in Betrieb nimmt und damit den Vertrag bricht. https://anti-spiegel.ru/2026/was-putin-ueber-die-nord-streams-und-russische-gaslieferungen-nach-europa-gesagt-hat/

In Russland versteht diese irrsinnige und selbstmörderische Politik der Bundesregierung, die der deutschen Wirtschaft bewusst schweren Schaden zufügt, kein Mensch. Das dürfte der Grund dafür sein, dass der Deutschland-Korrespondent der TASS darüber einen Artikel geschrieben hat, in dem er versucht, den Russen zu erklären, was sich in Deutschland abspielt. Ich habe den Artikel übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Einfach den „Knopf drücken“ und das Gas fließt: Was passiert mit Nord Stream?

Wjatscheslaw Filippow, Leiter des TASS-Büros in Deutschland, zur Frage, ob die deutsche Regierung bereit ist, das Thema der Wiederinbetriebnahme der Gaspipelines erneut aufzugreifen.

Der russische Präsident Wladimir Putin erklärte bei einem von TASS organisierten Treffen mit den Leitern führender Nachrichtenagenturen im Rahmen des Internationalen Wirtschaftsforums St. Petersburg (SPIEF), dass zur Wiederinbetriebnahme der verbleibenden Nord-Stream-Leitung lediglich ein „Knopfdruck“ nötig sei und das Gas „schon morgen“ nach Deutschland fließen würde. Gleichzeitig merkte der russische Präsident an, dass sie weiterhin US-Sanktionen unterliege und die Bundesregierung daher zunächst eine Einigung mit ihren Partnern erzielen müsse.

Wie realistisch ist die Wiederinbetriebnahme von Nord Stream, oder zumindest der von der Explosion unbeschädigten Leitung von Nord Stream 2? Was hält die deutsche Regierung davon ab?

Berlins Argumentation

Putins Vorschlag kommt zu einem für die deutsche Wirtschaft schwierigen Zeitpunkt. Seit dem Stopp der russischen Gaslieferungen kämpft die deutsche Industrie mit hohen Energiepreisen, die ihre Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen. Verschärft wird die Situation durch den Krieg zwischen den USA und Israel gegen den Iran und die faktische Blockade der Straße von Hormus, wodurch die Sinnhaftigkeit von LNG-Lieferungen aus der Golfregion insgesamt infrage gestellt wird. Laut einer Studie des Kreditversicherers Allianz Trade könnte die Zahl der Insolvenzen in Deutschland in diesem Jahr den höchsten Stand seit 14 Jahren erreichen.

Die Bundesregierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz lehnt eine Rückkehr zu russischen Energielieferungen und damit auch die Inbetriebnahme von Nord Stream 2 dennoch ab. Die Oppositionsparteien AfD und Sahra Wagenknechts BSW kritisieren die Haltung der Bundesregierung seit Langem und fordern die Wiederaufnahme der Gaslieferungen aus Russland. Der Druck auf die Regierung Merz wächst mit den zunehmenden wirtschaftlichen Problemen.

Berlin wirft Russland vor, Nord Stream als geopolitisches Instrument zu nutzen und die Lieferungen – sogar vor der Sprengung der Pipelines – angeblich selbst eingestellt zu haben. Die deutsche Regierung befürchtet, nicht ohne Grund, dass eine Wiederaufnahme der Lieferungen Deutschlands Glaubwürdigkeit innerhalb der EU und der NATO untergraben würde.

Schließlich hat Deutschland seit 2022 massiv in den Bau von Flüssigerdgas-Terminals (LNG) und den Ausbau erneuerbarer Energien investiert. Eine Rückkehr zu deutlich günstigerem russischem Gas würde den Sinn der milliardenschweren Investitionen in die LNG-Infrastruktur und die „grüne“ Energiewende infrage stellen. Zudem müssten deutsche Unternehmen, um Nord Stream nutzen zu können, die US-Sanktionen umgehen.

Wie die Geschichte jedoch zeigt, sind die USA in Zeiten größter Not durchaus in der Lage, Ausnahmen für ihre Verbündeten zu machen und restriktive Maßnahmen auszusetzen. Das Argument, die Sanktionen schadeten der deutschen Wirtschaft und damit der gesamten EU, dürfte Washington kaum überzeugen. Berlin hat aber andere Möglichkeiten, seinen transatlantischen Partner auf seine Seite zu ziehen, beispielsweise durch die Gewinnung amerikanischer Investoren für den Gasverkauf über Nord Stream. Medienberichten zufolge hatte ein US-Investor Interesse bekundet und wäre bereit, Nord Stream 2 zu erwerben, sollte der Betreiber, die Nord Stream 2 AG, nach der Insolvenz des Unternehmens versteigert werden.

Laut Putin könnte Russland über die verbleibende Nord-Stream-2-Pipeline bis zu 28 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr liefern. Das würde zweifellos dazu beitragen, die Energiekrise nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa zu bewältigen. Die Frage der Inbetriebnahme bleibt jedoch eher eine geopolitische als eine rein wirtschaftliche.

Es ist bemerkenswert, dass Berlin, obwohl es russisches Gas ablehnt und angeblich seine Energieabhängigkeit von Russland überwinden will, ins andere Extrem verfällt: Deutschlands Abhängigkeit von LNG, vorwiegend aus den USA, nimmt zu. Der Anteil von US-amerikanischem Flüssigerdgas an Deutschlands gesamten LNG-Importen lag 2025 bei rund 96 Prozent. Was ist das, wenn nicht Abhängigkeit?

Um die Bezugsquellen zu diversifizieren, hat die deutsche Regierung ein Abkommen mit Kanada über den Import von LNG aus dem Ksi-Lisims-Projekt (in British Columbia) geschlossen. Experten haben dieses Abkommen jedoch in der Luft zerrissen. Erstens hat das Terminalprojekt in Ksi Lisims noch nicht einmal begonnen. Zweitens droht kanadisches Gas für deutsche Kunden das teuerste zu werden, da es durch den Panamakanal transportiert werden muss, während LNG aus den USA laut Berechnungen der Berliner Zeitung Deutschland bereits doppelt so viel kostet wie russisches Pipelinegas.

Terroranschlag und Theorien

Ich erinnere daran, dass die 1.224 Kilometer lange Gaspipeline Nord Stream auf dem Meeresgrund der Ostsee von Wyborg in Russland nach Greifswald in Deutschland verläuft und eine Kapazität von 55 Milliarden Kubikmetern pro Jahr hat. Der Bau der ähnlich dimensionierten Pipeline Nord Stream 2 wurde am 10. September 2021 abgeschlossen, die Pipeline wurde jedoch nie in Betrieb genommen.

Am 26. September 2022 ereignete sich ein beispielloser Terroranschlag auf die Gaspipelines, den lediglich eine der vier Nord-Stream-Pipelines überstanden hat. Obwohl es sich um einen Angriff auf eine strategisch wichtige europäische Energieinfrastruktur handelte, kommen die deutschen Ermittlungen kaum voran und liefern keine klaren Antworten auf die Fragen nach den Tätern und Drahtziehern. Die nationalen Ermittlungen in Dänemark und Schweden wurden derweil vollständig eingestellt.

Wie der Spiegel am 15. Januar berichtete, geht das Bundesgericht davon aus, dass die Explosionen der Nord Streams „höchstwahrscheinlich“ auf Befehl eines ausländischen Staates, nämlich der Ukraine, verübt wurden. Deutsche Medien spekulieren, dass die Sprengsätze von ukrainischen Amateurtauchern mit Verbindungen zum Kiewer Geheimdienst platziert wurden, die mit der Segelyacht „Andromeda“ zum Anschlagsort gelangten.

Im April erschien in Deutschland ein Buch von Boyan Panchevski, Journalist des amerikanischen „Wall Street Journal“. Darin behauptet der Autor, basierend auf Interviews mit Beteiligten, Ermittlern und Sicherheitsbeamten, dass Wladimir Selensky von Anfang an über die Pläne zur Sprengung der Pipelines informiert war und diese persönlich genehmigt habe. Laut Panchevski befahl Selensky dem damaligen Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte Waleri Saluschny später auf ein Signal der CIA hin, den Anschlag abzubrechen. Saluschny ignorierte den Befehl jedoch. Panchevski behauptete, ukrainische Taucher hätten im Auftrag des Kiewer Geheimdienstes Sprengstoff unter den Leitungen der Pipeline platziert, und, so absurd es auch klingen mag, ein ehemaliges ukrainisches Erotikmodel und Taucherin habe angeblich eine Schlüsselrolle bei dieser „Operation“ gespielt.

Man muss sagen, dass die Flut an Theorien und Spekulationen in verschiedenen westlichen Medien immer eine Richtung hat: Sie alle gehen davon aus, dass die Ukraine Nord Stream auf die eine oder andere Weise gesprengt hat. Der renommierte amerikanische Journalist und Pulitzerpreisträger Seymour Hersh schrieb jedoch bereits 2023 unter Berufung auf Quellen, die Sprengsätze unter den Pipelines seien tatsächlich im Juni 2022 von Tauchern der US-Marine mit Unterstützung norwegischer Spezialisten platziert worden. Bekanntlich kündigte der damalige US-Präsident Joe Biden im Februar 2022 seine Absicht an, Nord Stream zu zerstören.

Die Theorie der Amateurtaucher wirft daher die Frage auf, ob damit die Ermittlungen und die Öffentlichkeit in die Irre geführt werden sollen. Wenn die Ukraine an dem Anschlag beteiligt war, konnte sie ohne Unterstützung eine für Deutschland lebenswichtige Energieanlage zerstören?

Der Bruch der Beziehungen zwischen Russland und Deutschland

Anfangs behaupteten einige deutsche Politiker fälschlicherweise, Russland selbst könne die Gaspipelines gesprengt haben. Monatelang kursierten solche Anschuldigungen in den Medien und angeblich verfolgten die deutschen Ermittler sogar Spuren in der Ukraine, während sie gleichzeitig die Möglichkeit einer False-Flag-Operation Moskaus in Betracht zogen.

Die Explosion von Nord Stream 2 war nicht nur die Zerstörung einer Infrastrukturanlage und ein Schlag für die Energieversorgung Deutschlands und Europas aus Russland, sie beerdigte auch eine langjährige Strategie zur Entwicklung der Beziehungen zwischen Russland und Deutschland, die auf dem Prinzip „Deutsche Technologie im Austausch für russische Ressourcen“ beruhte. Nord Stream wurde zum Symbol der für beide Seiten vorteilhaften Zusammenarbeit zwischen Moskau und Berlin, ein Projekt, das Washington offenbar als für den amerikanischen Einfluss auf dem europäischen Kontinent äußerst gefährlich ansah.

Vor dem Hintergrund der Diskussionen über die mögliche Wiederaufnahme russischer Gaslieferungen erwägt Deutschland selbst alternative Nutzungsmöglichkeiten für Nord Stream. Eine davon ist die Integration der verbleibenden Pipeline-Abschnitte in das Projekt „Baltic Sea Hydrogen Collector“ zum Transport von „grünem“ Wasserstoff. Dies ist aber natürlich keine Zusammenarbeit zwischen Russland und Deutschland mehr.

Die politische Lage lässt die Perspektiven für die Nutzung der Pipelines derzeit unklar. Die Regierungsparteien CDU/CSU und SPD sind nicht einmal bereit, über die Wiederaufnahme russischer Gasimporte zu reden. Zumindest vorerst. Einige Vertreter, wie beispielsweise der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer, fordern jedoch, Russland nach der Beilegung des Ukraine-Konflikts als möglichen Energielieferanten in Betracht zu ziehen.

Die Grünen, die übrigens die drittstärkste Kraft in deutschen Umfragen sind, lehnen die Inbetriebnahme von Nord Stream kategorisch ab. Es ist möglich, dass sie in Zukunft wieder in die Bundesregierung eintreten, in diesem Fall dürfte das Thema der Gaslieferungen über Nord Stream kaum mehr auf der Tagesordnung stehen. Die etablierten Parteien sind bekanntermaßen nicht bereit, mit der AfD zusammenzuarbeiten, die die Wiederaufnahme von Gasimporten aus Russland anstrebt.

Bekanntlich ist für Trump ein gutes Geschäft mitunter wichtiger als geopolitische Vorurteile. Wäre Berlin also kooperationsbereit, könnte es die Bedingungen für die Wiederaufnahme der Gaslieferungen über Nord Stream leichter mit der aktuellen US-Regierung aushandeln als mit den baltischen Staaten, Polen und der EU-Kommission.

Nur ein Regierungswechsel und eine weitere Verschlechterung der Wirtschaftslage in Deutschland könnten die Haltung zu diesem Thema grundlegend verändern. Das könnte Berlin zwingen, Energieentscheidungen pragmatisch und vernünftig statt ideologisch zu treffen. Schließlich erfordern die Inbetriebnahme von Nord Stream und die Reparatur der beschädigten Pipelines eindeutig ausschließlich politischen Willen seitens der Bundesregierung. Ist sie bereit, den Schritt zu gehen und damit den Unmut ihrer europäischen Verbündeten und den Unmut der EU zu riskieren? Die Frage ist eher rhetorisch.

Ende der Übersetzung

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.


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