Welchen gefährlichen Unsinn der Spiegel über ukrainische Angriffe auf Russlands strategische Bomber schreibt
Beim manchen Spiegel-Artikeln frage ich mich, ob sie das Resultat der Unwissenheit der Spiegel-Redakteure oder bewusste Lügen sind. Der Am 1. Juni unter der Überschrift „Ukrainische Gegenangriffe – Kyjiw zerstört den U-Boot-Killer“ erschienene Artikel gehört in diese Kategorie.
In dem Artikel berichtet der Spiegel über einen ukrainischen Angriff vom 30. Mai auf einen Flughafen in der russischen Stadt Taganrog, die nicht weit von der ehemaligen Grenze zum Donbass entfernt ist. Dort werden Flugzeuge der russischen strategischen Streitkräfte gewartet, repariert und modernisiert. Der Spiegel schreibt:
„Die ukrainischen Streitkräfte veröffentlichten Aufnahmen von Drohnenangriffen auf zwei Seefernaufklärer vom Typ Tu-142. Die beiden Flugzeuge wurden bei dem Angriff offensichtlich zerstört, was für Moskau ein empfindlicher Verlust ist. Moskau besitzt nur wenige Exemplare der Spezialmaschine. Es handelte sich bei diesem besonderen Modell wohl um die Tu-142MR, die für Russlands nukleare Abschreckung wichtig ist.“
Dass es sich dabei um ein Flugzeug handelt, das „für Russlands nukleare Abschreckung wichtig ist“, sollte jeden Experten aufhorchen lassen, denn Russland hat Ende 2024 seine Nukleardoktrin geändert und heute heißt es darin über Situationen, in denen Russland sich das Recht zum Einsatz von Atomwaffen vorbehält:
„Einwirkung des Feindes auf kritische staatliche oder militärische Einrichtungen der Russischen Föderation, deren Ausfall die Reaktionsfähigkeit der Nuklearstreitkräfte beeinträchtigen würde“
Wenn die Ukraine also Flugzeuge angegriffen hat, deren Zerstörung „die Reaktionsfähigkeit der Nuklearstreitkräfte beeinträchtigen würde“, wäre das für Russland ein Grund, darauf mit Atomwaffen zu antworten.
Schauen wir uns an, was bei dem Angriff getroffen wurde und was der Spiegel seinen Lesern verschweigt.
Die Tu-142MR
Das Fachportal „The Aviotionist“ schreibt nach dem ukrainischen Angriff über die Tu-142MR in einem Artikel, den auch der Spiegel verlinkt hat:
„Laut Piotr Butowski in „Russian Air Power“, erschienen bei Key Publishing, ist die Berijew Tu-142MR ein strategisches Funkrelaisflugzeug, das in Taganrog entwickelt wurde und auf dem Seeaufklärungsflugzeug Tu-142 basiert. Anders als andere Marineflugzeuge beruht seine Bedeutung nicht auf der mitgeführten Bewaffnung, sondern auf seiner Rolle in der russischen nuklearen Kommando- und Kontrollarchitektur. Das Flugzeug ist um das Kommunikationsrelais-System Orjol herum konstruiert, das eine ähnliche Funktion wie das US-amerikanische TACAMO-Konzept erfüllt und es den nationalen Befehlsstellen ermöglicht, Startbefehle an getauchte U-Boote mit ballistischen Raketen zu übermitteln.“
Das bedeutet im Klartext, dass die Tu-142MR in den russischen Nuklearstreitkräften eine sehr wichtige Rolle einnimmt. Der Grund ist folgender: Bei atomaren Konflikten gibt es Fähigkeiten zum Erstschlag und zum Zweitschlag. Der Erstschlag ist ein nuklearer Angriff, der Zweitschlag ist der Gegenschlag nach einem atomaren Angriff.
Darauf beruht die nukleare Abschreckung, denn die Zweitschlagsfähigkeit soll sicherstellen, dass ein Atomkrieg nicht gewinnbar ist, weil dabei der Angreifer genauso vernichtet wird, wie der Angegriffene beim Erstschlag vernichtet wurde. So soll die atomare Abschreckung Atomkriege verhindern, weil sie für keine Seite gewinnbar sind und die Vernichtung beider Seiten bedeuten würden.
Wenn bei dem ukrainischen Angriff auf Taganrog also tatsächlich eine Tu-142MR zerstört wurde, die für den Kontakt zu russischen Atom-U-Booten, also der russischen Zweitschlagskapazität, wichtig ist, war das definitiv ein Angriff, der „die Reaktionsfähigkeit der Nuklearstreitkräfte beeinträchtigen würde“, was für Russland ein offizieller Grund wäre, mit einem Atomschlag zu antworten.
Bei „The Aviotionist“ erfahren wir über die Tu-142MR außerdem:
„Letztendlich wurde nur eine geringe Anzahl von Tu-142MR gebaut. Je nach Quelle liegt die Gesamtzahl zwischen etwa 7 und 12 bis 14 Flugzeugen, wobei Butowskis Angaben zu den Einheiten auf mindestens zwölf Maschinen im Einsatz bei der Nord- und Pazifikflotte hindeuten. Jedenfalls ist dieser Flugzeugtyp recht selten und wertvoll. Obwohl die Tu-142MR den taktischen Luftkrieg über der Ukraine vermutlich nicht direkt unterstützt, spielt sie eine strategische Rolle in Russlands nuklearer Kommando- und Kontrollarchitektur. Sie dient als fliegende Kommunikationsrelaisstation zur Übermittlung von Befehlen an getauchte U-Boote mit ballistischen Raketen. Daher wäre der Verlust oder die Beschädigung auch ,nur eines einzigen einsatzfähigen Flugzeugs (vorausgesetzt, die in Taganrog zerstörte Maschine war flugfähig) ein schwerer Schlag für Russland, nicht wegen ihrer direkten Auswirkungen auf Kampfhandlungen, sondern aufgrund ihrer speziellen und strategischen Rolle in der nuklearen Abschreckung.“
Die Rolle des Westens
Es sei daran erinnert, dass die Ukraine keine eigenen Satelliten hat. Wenn sie also mit Drohnen gezielt die Flugzeuge in Taganrog angegriffen hat, dann muss von westlichen Staaten, die diese Flugzeuge auf Satellitenbildern auf dem Flughafen entdeckt haben, die Information bekommen haben.
Auch zu solchen Fällen ist die russische Nukleardoktrin vollkommen unzweideutig, denn ein weiterer Grund für Russland, Atomwaffen einzusetzen, sind laut der Doktrin:
„Aggressionen eines beliebigen Staates innerhalb einer Militärkoalition (eines Militärblocks, eines Militärbündnisses) gegen die Russische Föderation und/oder ihre Verbündeten gelten als Aggressionen der gesamten Koalition (des gesamten Militärblocks, des gesamten Militärbündnisses). Aggressionen eines Nichtnuklearstaates gegen die Russische Föderation und/oder ihre Verbündeten unter Beteiligung oder Unterstützung eines Nuklearstaates gelten als gemeinsame Angriffe dieser Staaten.“
Wenn also Staaten des Westens an dem Angriff auf Taganrog beteiligt waren, indem sie beispielsweise die Zieldaten geliefert haben, gelten sie für Russland als Beteiligte, gegen die laut der russischen Nukleardoktrin eine atomare Antwort erfolgen kann.
Übrigens gab es so einen Angriff schon einmal. Im Juni 2025 haben ukrainische Drohnen Flugplätze der der russischen Nuklearstreitkräfte angegriffen. Über die Schäden gingen die Angaben stark auseinander, aber die Ukraine behauptet, fast ein Drittel der russischen Atombomberflotte ausgeschaltet zu haben. Laut russischen Angaben waren die Schäden weitaus geringer.
Anscheinend hat das Fehlen einer harten russischen Antwort die Verantwortlichen in Kiew und im Westen dazu verleitet, so etwas nun zu wiederholen. Das ist ein gefährliches Spiel mit dem Feuer, denn letztlich setzt man darauf, dass Russland auch weiterhin geduldig die Füße stillhält und nicht reagiert. Aber was passiert, wenn so ein Angriff so wirksam ist, dass er Russlands Geduld erschöpft?
Was der Spiegel daraus macht
Der Spiegel, der immer so gerne über von seiner Redaktion frei erfundene, angebliche russische Drohungen mit Atomwaffen berichtet, verschweigt es seinen Lesern immer, wenn es eine tatsächliche nukleare Gefahr gibt. Der Spiegel – und andere deutsche Medien – verbreiten aus propagandistischen Gründen gerne Panik, wenn es dafür keinen Grund gibt, es aber aus politischen Gründen gewollt ist, während sie wirkliche Gefahren verschweigen.
So auch in dem aktuellen Spiegel-Artikel über den ukrainischen Angriff auf Taganrog, in dem der Spiegel schreibt:
„Die Russen hatten bereits Teile ihrer Flotte nuklearer Langstreckenbomber durch ukrainische Drohnen bei der Operation »Spinnennetz« verloren. Die Ukraine traf auch mindestens zwei Aufklärungsflieger vom Typ A-50. Gelingt es der Ukraine weiter, solche Angriffe zu fliegen, würde die Bedrohung der Nato durch Russland langfristig immer weiter abnehmen.“
Der Spiegel verschweigt seinen Lesern nicht nur das Risiko, das solche Angriffe bedeuten, er freut sich sogar regelrecht über solche Angriffe, weil dadurch angeblich „die Bedrohung der Nato durch Russland langfristig immer weiter abnehmen“ würde, wie der Spiegel-Redakteur behauptet. Dabei ist das Gegenteil der Fall, denn wenn Russland der Meinung ist, dass seine nukleare Reaktionsfähigkeit durch die ukrainischen Angriffe entscheidend geschwächt wird, wird es dem ganz sicher nicht tatenlos zusehen, weil das bedeuten würde, dass Russland seine Fähigkeit zur nuklearen Antwort verlieren würde und einem etwaigen atomaren Angriff schutzlos ausgeliefert wäre.
Mit anderen Worten: Diese ukrainischen Angriffe erhöhen die Gefahr einer atomaren Eskalation, sie senken sie nicht, wie der Spiegel behauptet.
Daher habe ich am Anfang dieses Artikels die Frage gestellt, ob solche Artikel das Resultat der Unwissenheit der Spiegel-Redakteure oder bewusste Lügen sind.
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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