Gesundheitsversorgung moderner gedacht – Apotheken-Reform: Ergänzen sich Rentabilität und Service?

📰 paz.de

Auch wenn Patienten und Kunden profitieren, so haben Apotheker und Ärzte ihre Bedenken. Oder geht es doch nur wieder um ...

paz.de📅 03.06.2026

Deutschlands Apotheken kämpfen im Sommer an mehreren Fronten. Während die Politik den Betrieben neue Aufgaben übertragen will, verschärft sich vielerorts die wirtschaftliche Lage. Nach Angaben der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände ist die Zahl der öffentlichen Apotheken erneut gesunken. Vor allem kleinere Standorte auf dem Land geraten unter Druck. Die Bundesregierung spricht von einer „Modernisierung der Versorgung“, Kritiker dagegen von einer schleichenden Verlagerung ärztlicher Aufgaben in die Apotheke.

Auslöser der Debatte ist das sogenannte Apothekenversorgungs-Weiterentwicklungsgesetz. Die Reform soll den Apotheken deutlich mehr Befugnisse geben. Künftig dürfen sie Erwachsene nicht nur gegen Grippe und Corona impfen, sondern auch gegen weitere Krankheiten. Geplant ist die Ausweitung auf sämtliche Schutzimpfungen mit sogenannten Totimpfstoffen – etwa gegen Tetanus oder FSME. Darüber hinaus sollen Apotheken zusätzliche Präventionsangebote übernehmen. Selbst zu bezahlende Schnelltests auf Influenza-, Noro- oder Rotaviren wären ebenso möglich wie bestimmte standardisierte Blutentnahmen nach ärztlicher Schulung.

Besonders umstritten ist jedoch: Verschreibungspflichtige Medikamente sollen in eng begrenzten Ausnahmefällen auch ohne erneute ärztliche Verordnung abgegeben werden können. Patienten müssten diese Präparate dann selbst bezahlen. Die Bundesregierung argumentiert mit Versorgungslücken und langen Wartezeiten. Kritiker aber warnen vor einem Dammbruch im Gesundheitssystem. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) verteidigt den Kurs als notwendige Antwort auf Ärztemangel und ausdünnende Infrastruktur. Apotheken seien „eine feste Säule der Gesundheitsversorgung“, erklärte sie.

Verlagerung von Aufgaben

Tatsächlich trifft die Reform auf ein System, das seit Jahren unter massivem wirtschaftlichen Druck steht. Steigende Energiekosten, höhere Löhne, Bürokratie und Lieferengpässe haben viele Betriebe geschwächt. Das Fixhonorar für rezeptpflichtige Medikamente liegt weiter bei 8,35 Euro pro Packung. Apothekerverbände fordern eine deutliche Erhöhung. Verbandspräsident Thomas Preis warnte, die Zahl der Apotheken habe mit rund 16.500 Betrieben einen historischen Tiefstand erreicht. Viele Inhaber klagen darüber, dass neue gesetzliche Vorgaben und zusätzliche Dienstleistungen zwar politische Aufmerksamkeit erzeugten, die wirtschaftliche Basis aber nicht nachhaltig verbesserten. Besonders kritisch ist die Lage im ländlichen Raum. Für ältere Menschen verlängern sich Wege zum nächsten Medikament, spontane Beratung entfällt, Notdienste werden schwieriger organisierbar. In manchen Regionen übernehmen Apotheker inzwischen Aufgaben, die früher von Hausärzten oder Kliniken abgedeckt wurden. Die Reform versucht gegenzusteuern. Notdienstpauschalen sollen steigen, Zweigapotheken leichter genehmigt werden. Zudem sollen pharmazeutisch-technische Assistenten künftig mehr Verantwortung übernehmen. Die Apotheke soll sich stärker zu einem Gesundheitsdienstleister entwickeln.

Genau an diesem Punkt entzündet sich jedoch heftiger Widerstand bei Ärzten. Die Bundesärztekammer kritisiert eine schleichende Verlagerung ärztlicher Tätigkeiten in die Apotheke. Ihr Präsident Klaus Reinhardt erklärte, Diagnostik und Therapie dürften nicht „stückweise ausgelagert“ werden. Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung warnt vor zusätzlichen Schnittstellen, unklaren Verantwortlichkeiten und neuen Risiken für Patienten. Tatsächlich könnte die Ausweitung der Kompetenzen neue Haftungsfragen aufwerfen und den Abstimmungsaufwand zwischen Ärzten und Apothekern erhöhen.

Kosten in Millionenhöhe drohen

Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob die Reform den wirtschaftlichen Kern des Problems überhaupt löst. Viele Apotheker sehen zwar neue Aufgaben, aber keine ausreichende finanzielle Absicherung. Die im Koalitionsvertrag angekündigte Erhöhung des Fixhonorars auf 9,50 Euro ist bislang nicht umgesetzt worden. Der GKV-Spitzenverband wiederum warnt vor erheblichen Mehrkosten für die gesetzlichen Krankenkassen. Nach Berechnungen der Kassen könnten zusätzliche Ausgaben schnell in dreistellige Millionenhöhe steigen.

Hinzu kommt der wachsende Konkurrenzdruck durch Versandapotheken und digitale Anbieter. Viele Kunden bestellen Medikamente inzwischen online – oft günstiger und bequemer. Vor-Ort-Apotheken versuchen deshalb verstärkt, über Beratung, Prävention und Zusatzangebote zu punkten. Genau hier setzt die Reform an.

Ob dieser Umbau gelingt, bleibt offen. Die Politik verspricht mehr Versorgungssicherheit und schnellere Hilfe für Patienten. Doch in vielen Apotheken wächst die Sorge, dass neue Aufgaben zwar Schlagzeilen bringen, die ökonomischen Probleme aber ungelöst bleiben.

👁 2 Aufrufe 👤 2 Leser

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert