Hatte Europa eine Chance, die Deindustrialisierung zu verhindern?

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Im ersten Quartal 2026 hat Deutschlands Wirtschaft 486.000 Arbeitsplätze verloren, wie das Statistische Bundesamt berich...

anti-spiegel.ru📅 29.05.2026
Wirtschaft

Hatte Europa eine Chance, die Deindustrialisierung zu verhindern?

Nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa findet eine rasante Deindustrialisierung statt. War das, wie die Regierungen der EU-Länder und die EU-Kommission behaupten, nicht zu verhindern, oder ist das die Folge von Fehlentscheidungen der Regierungen?

Im ersten Quartal 2026 hat Deutschlands Wirtschaft 486.000 Arbeitsplätze verloren, wie das Statistische Bundesamt berichtet. Der Stellenabbau betrifft die Industrie und weitere Branchen. In Handel, Verkehr und Gastgewerbe wurden im ersten Quartal 2026 etwa 81.000 Stellen abgebaut, berichtet die Bild. In der Unternehmensdienstleistung gingen 72.000 Arbeitsplätze verloren, in der IT-Branche 24.000. Im Vergleich zum ersten Quartal des Vorjahres hatte die Industrie 171.000 Stellen weniger vorzuweisen, das Baugewerbe 27.000 Stellen weniger.

Deutschland steht wirtschaftlich generell schlechter da, als andere EU-Staaten, aber die Tendenz gilt für ganz Europa. Aber auch in anderen EU-Staaten ist die Lage schwierig.

Da stellt sich die Frage, ob all das alternativlos war, ob es quasi eine Naturgewalt war, die die Wirtschaft Europas erschüttert hat und weiter erschüttert, oder ob das die Folge hausgemachter Fehler der EU-Kommission und der EU-Staaten ist.

Darüber ist in der TASS ein interessanter Artikel erschienen, den ich übersetzt habe.

Beginn der Übersetzung:

Entscheidungen und Krisen: Hatte Europa eine Chance, die Deindustrialisierung zu verhindern?

Fjodor Basow, außerordentlicher Professor am Lehrstuhl für Internationale Regionalstudien der Fakultät für Weltwirtschaft und Internationale Angelegenheiten der Nationalen Forschungsuniversität Hochschule für Wirtschaft und Wissenschaft und Senior Research Fellow am Primakow-Institut für Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen der Russischen Akademie der Wissenschaften, darüber, wie die Preisgabe nationaler Interessen und Ambitionen einen „blühenden Garten“ zerstört.

Hatte Europa die Chance, die gegenwärtige Deindustrialisierung zu verhindern? Die kurze Antwort lautet: Ja.

Allerdings haben die europäischen Eliten haben ihren Ländern selbst die wirtschaftliche Zukunft geraubt, indem sie nationale Interessen kurzfristigen politischen Ambitionen geopfert haben. Heute wird beim Blick auf die leeren Fabriken in Deutschland und die Stagnation der EU deutlich: Diese Krise war nicht unvermeidlich, die europäischen Regierungen haben sie selbst herbeigeführt. Eine ganze Reihe inkompetenter, von persönlichem Eigennutz motivierte Maßnahmen haben die Region zur Geisel ihrer eigenen fatalen Fehler gemacht.

Nach allen Indikatoren

Das Ausmaß des systemischen Versagens in verschiedenen Teilen der EU zeigt sich unterschiedlicher Form. Während die südlichen EU-Länder dank Tourismus und Dienstleistungen noch einigermaßen durchhalten, bricht das industrielle Herz der EU rapide zusammen. Jahrelang ignorierte die Brüsseler Bürokratie Warnungen von Industriellen und zerstörte so die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Wirtschaft. Dabei spielten sowohl die „grüne“ Agenda als auch die Politik der Sanktionskriege eine Rolle.

Das anschaulichste Beispiel ist natürlich Deutschland, der Motor von Europas Wirtschaft. Die deutsche Wirtschaft steckt in einer so langen Krise, wie es sie seit 70 Jahren nicht gegeben hat. Laut offiziellen Daten von Eurostat verzeichnete die deutsche Wirtschaft von 2015 bis 2023 einen Nettorückgang der Industrieproduktion um 3,6 Prozent. Inmitten der europaweiten Stagnation sticht Berlin als einer der größten Ausreißer hervor.

Dabei ist die offensichtlichste Folge der Krise die Inflation, die seit 1993 unter 3 Prozent geblieben war. 2021 lag sie bei 3,1 Prozent, und 2022, dem Jahr des Beginns der „Zeitenwende“, schnellte sie auf einen Rekordwert von 6,9 Prozent hoch, nur um sich 2023 bei besorgniserregenden 6,1 Prozent einzupendeln. Obwohl die Inflationsrate formell 2024 bis 2026 wieder auf 2 Prozent gesenkt werden sollte, erwies sich der Preis als zu hoch. Die Inflation wurde zum Hauptgrund für den sinkenden Lebensstandard der Bevölkerung und die schlechten Umfragewerte der Regierung.

Auch das Bruttoinlandsprodukt (BIP) schrumpfte, erst 2025 tauchte ein mühsames Wachstum von 0,2 Prozent auf. Das kann man jedoch kaum als Erholung bezeichnen, es ist eher ein Zeichen der tiefen Stagnation. Selbstverständlich wurde auch der Arbeitsmarkt getroffen. Es ist etwas ironisch, dass die Arbeitslosenquote von 6,1 bis 6,4 Prozent im Jahr 2015 ein historischer Triumph für die deutsche Wirtschaft war, während 10 Jahre später eine vergleichbare Quote von 6,1 bis 6,6 Prozent zum Symbol für den gegenteiligen Prozess wurde, des Niedergangs der Industrie und von Berlins Unfähigkeit, Stabilität zu wahren.

Sanktionen mit gegenteiligem Effekt

Der beispiellose Anstieg der Energiepreise hat der Industrie einen schweren Schlag versetzt. So stiegen die Strompreise beispielsweise 2022 und 2023 jährlich um rund 16 Prozent, und auch die Benzinpreise verzeichneten Rekordsteigerungen.

Deutschland und die EU insgesamt steuern seit Jahren stetig auf diese Sackgasse zu. Die europäischen Eliten begannen um die Jahrtausendwende unter dem Motto der „grünen Transformation“ die massive Selbstzerstörung des Energiesektors. Italien verbot die Kernenergie vollständig, Deutschland führte Gesetze zum Ausstieg aus Kernkraft und Kohle ein und Frankreich würgte systematisch Kohlekraftwerke ab. Im Ergebnis hat ganz Europa seine grundlegende Sicherheit der Abhängigkeit von Lieferungen aus dem Ausland geopfert.

Und als die europäischen Eliten vor dem Hintergrund des hybriden Krieges des Westens gegen Russland begannen, unsere stabil verfügbaren Ressourcen demonstrativ und energisch abzulehnen, wirkte diese künstlich erzeugte Verwundbarkeit für die Wirtschaft wie eine Falle. Lebensqualität und Industrieproduktion sanken.

Übrigens waren der einzige Gewinner die USA, die Europa beispielsweise umgehend an ihre teure Flüssigerdgas-Lieferkette fesselten. Ob die europäischen Eliten die Konsequenzen ihres Handelns verstanden haben oder blind dem Druck von außen erlegen sind, ist eine offene Frage. Sicher ist jedoch, dass sie nicht im Interesse der heimischen Industrie und der Bevölkerung handelten.

Deutschland war ja bis 2022 der größte Importeur von russischem Gas in der EU und bezog rund ein Drittel des gesamten Volumens der EU. Italien lag mit 10 Prozent an zweiter Stelle, Frankreich mit 8 Prozent an dritter. Die Lieferungen aus Russland deckten mehr als die Hälfte des deutschen Gasbedarfs. Berlin war jedoch gezwungen, die Gaslieferungen aus Pipelines viel früher als von deutschen Strategen erwartet vollständig einzustellen, denn die Sprengung der Nord-Stream-Pipeline im September 2022 besiegelte das Ende. In der Folge reduzierte Deutschland seine Importe von russischem Öl und auch Kohle.

Die europäischen Eliten haben dieses Vorgehen mit der Notwendigkeit rechtfertigt, die Abhängigkeit von Russland zu verringern, das in EU-Dokumenten seit Ende der 2010er Jahre (beispielsweise in der Globalen Sicherheitsstrategie der EU von 2016) als Sicherheitsrisiko identifiziert wurde. Die Regierungen ignorierten bewusst Warnungen der Wirtschaft vor den unvermeidlichen Folgen für den Wohlstand der Bürger und für die Industrie. Bis 2022 erinnerte ein Teil des deutschen Establishments die Regierung daran, dass die von der EU auferlegte Autonomie den Interessen Deutschlands – einer Wirtschaft, die auf billigen russischen Ressourcen basierte – zuwiderlaufe. Berlin traf jedoch eine fatale Entscheidung, opferte die eigene Produktion ausländischen Dogmen und stürzte Deutschland in eine langwierige Krise.

Die Medizin ist gefährlicher als die Krankheit

Bei all dem darf man die Folgen von COVID-19 nicht vergessen. Die Reaktion der EU-Führung auf das Coronavirus ist ein Beispiel dafür, wie eine Medizin in den falschen Händen gefährlicher sein kann als die Krankheit selbst. Indem die europäischen Eliten versuchten, die Krise durch die Verteilung von „Helikoptergeld“ kurzfristig abzumildern, lösten sie eine Inflationswelle aus, die den Kontinent erfasste, noch bevor sich die geopolitische Lage verschärfte.

Die in Brüssel grassierende Bürokratie bei der Beschaffung medizinischer Güter goss zusätzlich Öl ins Feuer. Der aufsehenerregende Korruptionsskandal um EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die milliardenschwere Verträge mit Pfizer heimlich per SMS aushandelte, zeigte deutlich, dass die Verantwortlichen auf dem Höhepunkt der Pandemie mehr an persönlichem Gewinn als an den Interessen der Bürger interessiert waren.

Die politischen Folgen

All das hat natürlich auch politische Auswirkungen. Rechtsextreme Euroskeptiker gewinnen in ganz Europa rasant an Boden: In Deutschland bricht die AfD alle Beliebtheitsrekorde, der Rassemblement National (NRA) erzielt in Frankreich ähnliche Erfolge,ähnliche Prozesse finden in Österreich und den Niederlanden statt. Die wachsende Unzufriedenheit in der Bevölkerung schränkt den Handlungsspielraum der etablierten Parteien erheblich ein.

In Deutschland selbst sind einer neuen Mitte-Rechts-Regierung aus CDU und CSU die Hände und Füße gebunden: Das unkontrollierte Haushaltsdefizit und politische Spaltungen verhindern, dass Berlin dringend notwendige Wirtschaftsreformen umsetzen kann.

Die westlichen Eliten haben sich (und ihre Bevölkerungen) in diese Sackgasse manövriert: Indem sie dem Machterhalt konsequent nationale Interessen geopfert und die geopolitische Agenda von anderen verfolgt haben, setzen sie nun verzweifelt auf die totale Militarisierung. Dieser Ansatz verschärft die Krise nur und raubt ihnen jede Chance, ihre Industrie zu retten.

Eine vollständige Erholung der Industrieproduktion in Deutschland und seines Anteils an den internationalen Märkten wird es wohl nicht geben. Während der Strukturkrise seiner Wirtschaft haben Produkten aus den USA, mitteleuropäischen Ländern und China Teile der deutschen Exportmärkte besetzt.

Ende der Übersetzung

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.


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