Östlich von Oder und Neiße – Wie bei der Dresdner Frauenkirche

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Tomasz Sielicki schlägt vor, beim geplanten Neubau des Breslauer Neptunbrunnens auf Reste des alten von 1732 zurückzugre...

paz.de📅 25.05.2026

Kommendes Jahr soll er wieder auf dem Breslauer Neumarkt stehen: der Neptunbrunnen. Umgerechnet knapp 83.000 Euro hat Schlesiens Hauptstadt dafür bereitgestellt. Der Stadtpräsident sprach sich für die Rekonstruktion des historischen Neptuns aus. Doch es gibt auch Vorschläge für einen modernen Brunnen. 2022 mischte sich der Sprachwissenschaftler, Historiker, Autor und Verleger Tomasz Sielicki in die Diskussion ein. Der 41-Jährige gehört, wie er sagt, „zum historischen Lager, und auch wenn die modernistischen Vorschläge ihre Berechtigung haben, so finde“ er, „dass der historische Neptunbrunnen auf den Neumarkt zurückehren muss“. Sielickis Dilemma war nach seinen eigenen Worten, „dass es keine Abhandlung über die Geschichte dieses bedeutenden Denkmals gab, weder vor dem Krieg in deutscher, noch nach dem Krieg in polnischer Zeit“. Er habe daher beschlossen, sich „dieses Themas selbst anzunehmen“.

Der Neumarkt gehört zu den ältesten Plätzen der Stadt. Im 13. Jahrhundert wurde er von deutschen Siedlern zwischen der damaligen Altstadt und Neustadt angelegt. 1732 wurde in der Mitte des Neumarktes der barocke Neptunbrunnen aufgestellt. 1874 wurde bei der Generalsanierung eine neue Neptunplastik eingearbeitet. Letztere wurde 1945 im Gefecht um die Festung Breslau, wie der gesamte Neumarkt, zerstört.

Wenn aber im Krieg der „neue“ Neptun zerstört wurde, was passierte dann mit dem ursprünglichen? Diese Frage ließ Sielicki nicht los. Er wollte den heutigen Bewohnern Breslaus die Geschichte des Neptunbrunnens schmackhaft machen, schließlich war der „Gabeljürge“, wie ihn einst die Breslauer nannten, diesen ein wahres Symbol ihrer Stadt.

Der bärtige Neptun mit seinem strengen Blick hielt in der rechten Hand einen Dreizack. Dieser erinnerte an eine Mistgabel, so kam er zu seinem Spitznamen „Gabeljürge“. „Manche glauben, dass sich der Spitzname auf Mitarbeiter der städtischen Straßenreinigungsbehörde bezog, weil diese mit solchen Gabeln ausgestattet waren“, fand der Historiker heraus: „Seine Gestalt war nur teilweise von einem wallenden Gewand bedeckt. Aus diesem Grund hielt man Neptun für sündig und setzte ihn sogar mit dem Teufel gleich. So wurde die Statue regelmäßig zum Opfer von Vandalismus.“

Doch mit der Zeit gewannen die Breslauer ihren Gabeljürge lieb. Sie versammelten sich zu Silvester am Neptunbrunnen, er zierte Postkarten, war ein Held in Populärromanen, die alljährlich in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts veröffentlicht wurden. „In einer dieser Erzählungen wird Neptun in der Silvesternacht lebendig und spaziert durch die Straßen. Er beklagt sich über die Veränderungen, die sich im Laufe des Jahres um ihn vollzogen haben. ,Da stehe ich nun einsam und verlassen, ein jämmerlicher Wassergott, mitten auf dem Neumarkt und möchte sterben von Überdruss und Langeweile. Meine Gesellschaft bei Tage ist nicht die allernobelste. Trinker und Holzbauern fluchen mir die Ohren voll'“, zitiert Sielicki und berichtet, dass – nachdem 1908 die Breslauer Markthalle eröffnet worden war – man zu Weihnachten um den Brunnen den Breslauer Kindelmarkt aufgebaut hatte. Selbst nach 1945 versammelten sich Polen um die Reste des Neptunbrunnen, so Sielicki, „aber eben nicht um den ursprünglichen, den es noch zu finden gab“.

Der Durchbruch bei seiner Detektivarbeit kam durch einen Artikel der „Breslauer Zeitung“ von 1894. Dieser führte Sielicki und seine Mitstreiterin Joanna Biniek vom Niederschlesischen Denkmalpflegeamt nach Langendorf [Wielowieś] bei Groß Wartenberg [Syców]. Dort stießen sie auf Reste des Breslauer Neptunbrunnens. „Der Breslauer Stadtrat Karl Müller hatte den alten Brunnen erworben und zunächst auf sein Grundstück an der Breslauer Kreuzstraße und dann nach Mittellangendorf gebracht. Ab 1889 war Karl Müller Eigentümer des Ritterguts in Mittellangendorf im Kreis Groß Wartenberg.“ Die Echtheit des Fundes wurde durch die Kunsthistoriker Barbara Andruszkiewicz und Romuald Nowak vom Breslauer Nationalmuseum bestätigt. Weil aber bislang nicht alle Teile des Neptunbrunnens gefunden wurden, schlägt Sielicki vor, die fehlenden Teile aus schlesischem Sandstein nachzuahmen, so wie man es ja auch bei der Dresdner Frauenkirche tat. So würde der Neptun Alt und Neu verbinden und symbolisch für den heutigen Neumarkt stehen.

Sielicki und seine Mitstreiter sind stolz auf ihr „Indiana-Jones-Abenteuer“. In seinem nach dem Brunnen benannten Breslauer Neptunverlag publiziert Sielicki Artikel zur Breslauer Geschichte, verlegt Bücher über das alte Breslau sowie dessen Plätze und Straßen. Er geht auch seiner großen Leidenschaft nach, der Geschichte der Straßenbahn und der schlesischen Küche. Sein Traum ist es, schlesische Gerichte wie Klöße, Rotkohl oder Schlesisches Himmelreich wieder auf dem Neumarkt anzubieten, und zwar am Neptunbrunnen.

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