Selbst notorische Berlin-Kritiker können der deutschen Hauptstadt keinen Mangel an Museen vorwerfen. Offizielle Kulturportale des Landes und des Berlin-Tourismusmarketings listen etwa 175 Museen und Sammlungen auf. Mit darunter das Pergamonmuseum, das weltweit als eines der bedeutendsten archäologischen Museen überhaupt gilt.
Dazu gehören auch Kuriositäten wie das Buchstabenmuseum, das historische Leuchtreklamen und Fassadenbuchstaben aus dem Berliner Stadtbild sammelt. Obwohl die Stadt bereits heute über eine der dichtesten Museumslandschaften Europas verfügt, ist nun rund um den Berliner Hauptbahnhof ein weiteres Museumsquartier aus der Taufe gehoben worden: die „MuseumsMeileMitte“.
Zu den beteiligten Häusern gehören das Museum für Naturkunde, der Hamburger Bahnhof für zeitgenössische Kunst, das Futurium beim Bundeskanzleramt sowie das Berliner Medizinhistorische Museum der Charité. Mitbeteiligt am Projekt ist zudem die österreichische Immobiliengesellschaft CA Immo. Sie spielt rund um den Berliner Hauptbahnhof eine zentrale Rolle als Projektentwickler und ist einer der wichtigsten Grundeigentümer vor Ort.
Wäre der Ort nicht so hässlich
Alle Beteiligten an der „MuseumsMeileMitte“ vereint ein gemeinsames Problem. Die Gegend zwischen Hauptbahnhof, Humboldthafen und Naturkundemuseum wirkt mit viel Beton, breiten Verkehrsschneisen und dem öden Europaplatz wenig einladend. Das 60-Hektar-Areal der Europacity nördlich des Hauptbahnhofs gilt als besonderes Beispiel für misslungene moderne Stadtplanung. Wie CA-Geschäftsführer Martin Löcker erklärt, engagiert sich sein Unternehmen seit Jahren „an der nachhaltigen Gestaltung und Belebung des öffentlichen Raums rund um den Europaplatz“ am Hauptbahnhof.
Die Initiatoren der „MuseumsMeile“ betonen, dass es sich nicht um ein klassisches Neubauprojekt handele. Vielmehr gehe es darum, bereits bestehende Einrichtungen besser zu verbinden. Angekündigt sind gemeinsame Veranstaltungen und abgestimmte Angebote, um das Quartier als zusammenhängenden Kulturraum sichtbar zu machen.
Obwohl die Gegend am Hauptbahnhof alles andere als eine Flaniermeile ist, ziehen die vier Häuser der neuen „MuseumsMeile“ schon jetzt nach eigenen Angaben rund zwei Millionen Besucher pro Jahr an. Dabei ist das Museum für Naturkunde samt seiner weltbekannten Sammlung von Dinosaurierskeletten mit rund 1,2 Millionen Besuchern eindeutig die Hauptattraktion. Das Futurium, das „Haus der Zukünfte“, meldete für 2024 mit 700.000 deutlich weniger Besucher.
Für die Häuser besteht trotz der äußeren Rahmenbedingungen durchaus die Chance, die Besucherzahlen zu steigern: Profitieren könnten sie davon, dass sich Berlin in einem gigantischen Umbau seiner Museumslandschaft befindet. Wie bei Großprojekten üblich, verzögert sich dabei einiges. Besonders deutlich wird dies auf der Museumsinsel im historischen Zentrum. Die Insel zählt zu den bedeutendsten Museumskomplexen Europas mit dem Pergamonmuseum, dem Neuen Museum, dem Alten Museum, der Alten Nationalgalerie sowie dem Bode-Museum – alles Touristenmagnete, die 2019 insgesamt auf deutlich über drei Millionen Besucher gekommen sind. Nach Angaben der Stiftung Preußischer Kulturbesitz verzeichnete allein das Pergamonmuseum vor der Schließung weit über eine Million Besucher jährlich. Das Neue Museum mit der Büste der Nofretete zählt ebenfalls konstant zur Spitzengruppe.
Konkurrenz in der Sanierungsstarre
Indes wird die Museumsinsel seit Jahren umfassend saniert. Zu den wichtigsten Projekten gehören die Sanierung des Pergamonmuseums sowie der Ausbau der unterirdischen „Archäologischen Promenade“. Erst 2027 soll zumindest ein erster Teil des Pergamonmuseums wieder eröffnet werden. Die vollständige Fertigstellung dürfte sich deutlich länger hinziehen. Auch das Deutsche Historische Museum kämpft mit langen Bauzeiten. Das Zeughaus Unter den Linden wird derzeit saniert und dürfte nach aktuellen Prognosen frühestens 2031 wieder vollständig öffnen. Selbst Übergangslösungen werden inzwischen diskutiert. Zudem entsteht am Kulturforum das „Museum der Moderne“, dessen Fertigstellung derzeit für das Ende des Jahrzehnts vorgesehen ist. Ursprünglich war nach dem ersten Spatenstich 2019 noch von einer Fertigstellung um das Jahr 2026 die Rede.
Angesichts der vielen unfertigen Museumsbaustellen stellt sich die Frage, ob Berlin seine Kräfte nicht besser bündeln sollte, statt immer neue kulturelle Leuchtturmprojekte auszurufen. Schon jetzt müssen viele Häuser steigende Betriebskosten, Sanierungsstau und Personalmangel verkraften und haben auch mit teils rückläufigen Besucherzahlen außerhalb großer spektakulärer Ausstellungen zu kämpfen.