Warum das Ergebnis der Kommunalwahlen in Großbritannien so wichtig war

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Ich bin wahrlich kein Experte für die britische Politik, aber ein Freund hat mir eine sehr interessante Analyse der Wahl...

anti-spiegel.ru📅 19.05.2026
Europa

Warum das Ergebnis der Kommunalwahlen in Großbritannien so wichtig war

Vor einer Woche fanden in Großbritannien Kommunalwahlen statt, die ein ziemlich historisches Ergebnis gebracht haben, das über Großbritannien hinaus wirken könnte. Eine Analyse der Wahl und des Ergebnisses.

Ich bin wahrlich kein Experte für die britische Politik, aber ein Freund hat mir eine sehr interessante Analyse der Wahl und ihrer Folgen eines russischen Thinktanks geschickt, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.

Die Kommunalwahl in Großbritannien liegt im europäischen Trend, denn in den Ländern der EU wächst bekanntlich die Unzufriedenheit mit den Parteien, die die Länder Westeuropas im Grunde seit dem Zweiten Weltkrieg in unterschiedlichen Zusammensetzungen regieren. In Frankreich wird Le Pen immer stärker, in Deutschland wachsen die Umfragewerte der AfD, in Österreich hat die FPÖ in Umfragen Oberwasser, in den Niederlanden waren die sogenannten Rechten bereits an der Regierung beteiligt und so weiter.

Die Zufriedenheit der Menschen in den Ländern der EU mit ihren Regierungen liegt mit teilweise unter 20 Prozent so niedrig wie noch nie, weil die in der EU regierenden Eliten seit Jahren eine Politik gegen die Interessen der Bevölkerung machen und weil die Menschen in der EU zusehends verarmen.

Inzwischen macht deswegen schon folgender Witz die Runde: Was ist der Unterschied zwischen der selbsternannten westlichen Demokratie und sogenannten Autokratien wie Russland, Weißrussland oder China? In den Autokratien finden die Menschen die Entscheidungen ihrer Regierungen mehrheitlich gut und sind mit ihren Regierungen zufrieden, während die Menschen in den selbsternannten Demokratien des Westens mit den Entscheidungen ihrer Regierungen unzufrieden sind und deren Rücktritt fordern. Wie man so schön sagt, finde den Fehler.

Das gilt auch für Großbritannien, wie die Kommunalwahlen gezeigt haben. In deutschen Medien wurden die Wahlergebnisse nur „nebenbei“ gemeldet, allerdings sind die Folgen der Wahl, nämlich die wachsenden Rücktrittforderungen an Premierminister Starmer ein recht großes Thema. Darum fand ich die russische Analyse so interessant, weil ich nach deren Lektüre besser verstanden habe, wie die Lage in Großbritannien ist.

Da die russische Analyse der Wahl etwas kompliziert formuliert war, gebe ich sie hier in eigenen Worten wieder.

Einleitung

Am 7. Mai 2026 fanden in Großbritannien die größten Wahlen seit den Parlamentswahlen 2024 statt. In 136 Kommunalverwaltungen Englands, allen Londoner Bezirken, für das schottische Parlament und den walisischen Senat wurde gleichzeitig gewählt. In England standen rund 5.000 Sitze in den Kommunalverwaltungen zur Wahl.

Die Ergebnisse waren in vielerlei Hinsicht historisch, denn die als rechtspopulistisch bezeichnete Partei Reform UK gewann 1.454 Sitze hinzu und übernahm die Kontrolle über 14 Kommunalverwaltungen, zuvor hatte die Partei keine. Die Regierungspartei Labour hingegen erlitt mit dem Verlust von 1.498 Sitzen und 23 Kommunalverwaltungen die schwerste Niederlage bei Kommunalwahlen ihrer Geschichte. Die Grünen erzielten ihr bestes Ergebnis aller Zeiten und verdoppelten ihre Mandate.

Wales ist erstmals seit fast 100 Jahren keine Labour-Hochburg mehr und in Schottland gewann die Schottische Nationalpartei (SNP) zum fünften Mal in Folge, Reform UK belegte zusammen mit Labour den zweiten Platz.

Die Wahl bestätigte die tiefgreifende Zersplitterung des Parteiensystems und das Ende des Zweiparteiensystems der Nachkriegszeit als dominierende politische Formation in Großbritannien.

Die Lage vor der Wahl

Die Wahl fand weniger als zwei Jahre nach dem historischen Wahlsieg der Labour-Partei im Juli 2024 statt. Im Frühjahr 2026 sah sich die Regierung Starmer aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten, Migrationsdebatten und einer Reihe politischer Skandale mit sinkenden Zustimmungswerten konfrontiert. Die von Kemi Badenoch geführten Konservativen konnten das Vertrauen der Wähler nach der Wahlniederlage von 2024 nicht zurückgewinnen. Reform UK unter der Führung von Nigel Farage konnte seine Umfragewerte stetig ausbauen und positionierte sich als Alternative zu den beiden etablierten Parteien.

Zur Wahl standen 136 englische Gemeinderäte (darunter 23 Grafschaftsräte, die größten Verwaltungseinheiten), 32 Londoner Bezirke, 129 Sitze im schottischen Parlament, 96 Sitze im walisischen Senat und in England ca. 5.000 Gemeinderatssitze.

Die meisten englischen Gemeinderäte wurden zuletzt 2022 unter der Regierung Johnson gewählt. Die Ergebnisse werden daher mit der Situation vor dem Zusammenbruch der Regierung der Konservativen verglichen.

Reform UK: Durchbruch und Institutionalisierung

Reform UK ist der klare Wahlsieger. Vor der Wahl kontrollierte die Partei keinen Gemeinderat, nun kontrolliert sie 14 Gemeinderäte und hat 1.454 Mandate. Mit einem landesweiten Stimmenanteil von 27 Prozent liegt sie an erster Stelle aller Parteien.

Die Ergebnisse von Reform UK variieren stark je nach sozio-demografischem Profil des Wahlkreises. In Wahlkreisen, in denen die Zustimmung zum Brexit 2016 über 60 Prozent lag, erzielte Reform im Durchschnitt 40 Prozent. In Wahlkreisen mit einer Brexit-Befürwortung unter 40 Prozent waren es lediglich 10 Prozent. Das bestätigt, dass die Wählerbasis der Partei vorwiegend aus kleinen Industriestädten, Arbeitervororten und ländlichen Gebieten in den mittleren und nördlichen Grafschaften Englands sowie den Küstenregionen im Süden besteht.

Der Gewinn von Sunderland und Barnsley, beide Bezirke mit einer jahrzehntelangen Labour-Regierung, war der mediale Höhepunkt der Wahl. Walsall ging mit einem überwältigenden 40:1-Sieg an Reform UK. Havering wurde der erste Londoner Bezirk unter der Kontrolle der Partei.

Reform UK zog nicht nur Stimmen von Labour und den Konservativen ab, sondern mobilisierte erstmals auch Wähler, die sich traditionell nicht an Kommunalwahlen beteiligt haben. Die Wahlbeteiligung in mehreren nordenglischen Bezirken stieg um 5 bis 7 Prozentpunkte, ein für Kommunalwahlen in Großbritannien ungewöhnliches Phänomen.

Analysten weisen darauf hin, dass Reform UK noch keinen Mechanismus zur Verwaltung der Kommunalverwaltungen geschaffen hat. Der Partei fehlen erfahrene Verwaltungsangestellte und Ratsmitglieder, die für Routineaufgaben wie Stadtplanung, Wohnungsbau und Sozialwesen ausgebildet sind. Krisen in der kommunalen Verwaltung könnten das lokale Kapital der Partei untergraben.

Labour: Die Schwerste Niederlage der Geschichte

Der Verlust von 1.498 Sitzen und 23 Gemeinderäten ist ein absoluter Antirekord. Besonders schmerzhaft waren die Verluste in Städten und Wahlkreisen, die Labour als ihre Stammbezirke betrachtete: Sunderland, Barnsley, Birmingham und Hartlepool.

Die Partei geriet gleichzeitig von zwei Seiten unter Druck: Reform UK gewann die Arbeiterklasse in den Kleinstädten, während die Grünen die Jugend und die gebildeten Wähler in den Großstädten für sich gewinnen konnten.

Premierminister Starmer weigerte sich, zurückzutreten. Bis zum 12. Mai forderten mehr als 60 Labour-Abgeordnete ihn formell zum Rücktritt auf. Ein Staatssekretär trat zurück und forderte öffentlich einen Führungswechsel. Vizepremierminister David Lammy („Man wechselt den Piloten nicht im Flug aus“) und mehrere Kabinettsmitglieder verteidigten den Premier öffentlich.

Die Stadträtin von Walsall Simran Cheema, die nach der Wahl als einzige Labour-Vertreterin im Stadtrat verblieben war, brachte die Krise deutlicher auf den Punkt als jeder Analyst: „Die Linke unterstützt jetzt die Grünen und die Unabhängigen. Die Arbeiterklasse wählt Reform UK, und das ist schwer zu verstehen, da Labour als Arbeiterpartei gegründet wurde.“

Konservative: Strukturkrise, keine Katastrophe

Der Verlust von 563 Sitzen und das Wahlergebnis von 20 Prozent liegen zwar unter dem Ausgangswert, sind aber keine Katastrophe. Die Partei behielt die Kontrolle über neun Gemeinderäte und belegt landesweit den zweiten Platz. Das Hauptproblem ist der rechte Flügel: Je stärker Reform UK in einem Wahlkreis ist, desto tiefer war der Fall Position der Konservativen.

Die Siege in Westminster (Zentrum Londons) und Wandsworth (dem bevölkerungsreichsten Wahlkreis der Partei) sind zwar medienwirksam, aber nicht systemverändernd. Badenoch feierte das im Westminster Council und stilisierte es als Beweis für die Überlebensfähigkeit der Partei.

Erstmals seit 1997 haben die Konservativen Hampshire verloren. Suffolk, Essex und Norfolk, drei Grafschaftsräte, gingen an Reform UK. In Schottland ist das Ergebnis im Parlament mit 12 Sitzen das schlechteste in der Geschichte der Partei in Schottland und sie hat den Status als größte Oppositionspartei verloren. In Wales sind ihr von 22 nur 7 Sitze im Senat verblieben.

Parteichefin Badenoch machte daraus fast schon einen Sieg, als sie erklärte: „Die Konservativen bleiben die stärkste Partei im Mitte-Rechts-Spektrum.“ James Cleverly bezeichnete Reformp UK als „Personenkult“, der „keine Politik, sondern Wut“ vertrete.

Das sind Überlebensnarrative, denn die Partei weigert sich, den Wählerschwund im rechten Spektrum als strukturelle Bedrohung anzuerkennen.

Liberaldemokraten: Der stille Gewinner

Mit 15 Gemeinderäten kontrolliert die Partei 3 mehr als zuvor und hat mit einem Wahlergebnis von 14 Prozent einen bescheidenen, aber stetigen Anstieg verzeichnet. Die Liberaldemokraten erzielten dort gute Ergebnisse, wo die Konservativen in den wohlhabenden südlichen Vororten an Boden verlieren: Stockport, Portsmouth, East Surrey und West Surrey. Der Verlust von Hull an Reform UK dämpfte das Endergebnis. Im schottischen Parlament blieb sie unverändert bei 10 Sitzen.

Grüne: Ein historischer Höchststand

587 Sitze, ein Plus von 441, 5 Gemeinderäte, Wahlergebnis 14 Prozent ist das beste Ergebnis in der Geschichte der Partei. Mit dem Gewinn von Waltham Forest, Hackney und Lewisham regieren die Grünen erstmals in den äußeren Londoner Bezirken. Zoe Garbett und Liam Srivastava wurden in der Geschichte Großbritanniens als erste Grüne zu Bürgermeistern gewählt.

In Schottland errangen die schottischen Grünen mit 15 Sitzen im schottischen Parlament einen Rekord, einschließlich ihrer ersten Siege in Wahlkreisen mit direkter Mehrheit. In Wales gewannen sie die ersten beiden Sitze in der Geschichte des walisischen Senats.

London

London bietet ein besonderes Bild, das sich deutlich von dem Englands insgesamt unterscheidet.

Vor der Wahl kontrollierte Labour 21 der 32 Bezirke, danach nur noch 9. Das ist ein katastrophaler Einbruch in dieser historischen Labour-Hochburg. Die Grünen gewannen erstmals die Kontrolle über 3 Bezirke. Reform UK eroberte Havering. In 9 Bezirken hat keine der Parteien die absolute Mehrheit.

Schottland: Fünfter Sieg der SNP in Folge

In Schottland erreichte die SNP ihren fünften Sieg in Folge. Sie benötigt 65 Sitze für eine Mehrheit im 129 Sitze umfassenden Parlament. John Swinney wird eine Minderheitsregierung bilden. Ein konkreter Koalitionspartner oder Partner für ein Tolerierungsabkommen steht noch nicht fest. Die schottischen Grünen gelten als wahrscheinlichster Partner, obwohl die Beziehungen zwischen den Parteien seit dem Ende des vorherigen Abkommens angespannt sind.

Die Konservativen in Schottland, die 12 Sitze im schottischen Parlament bekomme haben, haben ihren Status als wichtigste Oppositionspartei, den sie seit 2016 hatten, verloren. Sie teilen sich nun den zweiten Platz mit Reform UK, einer Partei, die bis 2024 in Schottland praktisch keine Rolle gespielt hat.

Wales: Das Ende des Labour-Jahrhunderts

Die größte Sensation ist Labour in Wales. Die Partei, die seit 1999 (dem Gründungsjahr des Senats) ununterbrochen die walisische Regierung geführt hat, erlitt eine vernichtende Niederlage. Die walisische Labour-Vorsitzende Uluned Morgan verlor ihren Sitz im Senat. In den Tälern von Südwales, der historischen Hochburg der Labour-Partei in der britischen Politik, sank der Stimmenanteil der Labour-Partei von 49 auf 17 Prozent.

Rhun ap Iorwerth (Plaid Cymru) bildet die erste Regierung von Plaid Cymru. Der Partei fehlen sechs Sitze zur absoluten Mehrheit (49 sind erforderlich). Mögliche Optionen sind ein Bündnis mit den Grünen und Unabhängigen oder eine begrenzte Zusammenarbeit mit den Liberaldemokraten.

Taktisches Wählen und seine neue Logik

Das traditionelle Modell des taktischen Wählens gegen das „schlimmste Übel“ hat sich in diesem Wahlzyklus neu ausgerichtet. Die Liberaldemokraten nutzten im Süden geschickt die Botschaft „Wählt uns, um die Tories abzulösen“. In den Städten warben die Grünen um enttäuschte Labour-Mitglieder. Reform UK gewann in den Arbeiterwahlkreisen sowohl durch direkte Wechsel (von Labour und den Tories) als auch durch die Mobilisierung von Nichtwählern an Unterstützung.

Nationale vs. lokale Themen

Professor Curtis stellte fest, dass die Kommunalwahlen 2026 stark national geprägt waren: Die Wähler gaben ihre Stimme eher auf Grundlage der nationalen Umfragewerte der Parteien als der Qualität der lokalen Regierung ab. Das ist typisch für Zeiten hoher politischer Turbulenzen. Zu den Schlüsselfaktoren der nationalen Themen zählen wirtschaftliche Unsicherheit, Debatten über Migration und Einwanderungszahlen, Unzufriedenheit mit dem Tempo der Veränderungen unter der Regierung Starmer sowie eine allgemeine Anti-Establishment-Stimmung.

Soziodemografische Spaltungen

Daten der BBC und von Analysten zeigen mehrere anhaltende Spaltungen auf.

Die Brexit-Spaltung: Das Brexit-Votum von 2016 ist nach wie vor der stärkste Indikator für das Wahlergebnis der Reformpartei.

Stadt/Land/Industriegebiet-Spaltung: Die Grünen und die Liberaldemokraten gewinnen in Städten und wohlhabenden Vororten, Reform UK gewinnt in Arbeiterstädten und Industriegebieten.

Klassenspaltung: Die Arbeiterklasse ohne Hochschulbildung wendet sich massenhaft von Labour ab und Reform UK zu, die gebildete städtische Mittelschicht tendiert zu den Grünen.

Einfluss der muslimischen Wählerschaft: Curtis hob insbesondere hervor, dass Labours Verluste in Wahlkreisen mit einem hohen Anteil muslimischer Wähler am größten waren, vermutlich aufgrund der anhaltenden Nahost-Politik.

Das Ende des Zweiparteiensystems?

Das Wahlergebnis für England: Reformpartei 27 Prozent, Konservative 20 Prozent, Labour 15 Prozent, Liberaldemokraten 14 Prozent, Grüne 14 Prozent. Fünf Parteien mit zweistelligen Ergebnissen, das markiert faktisch das Ende des stabilen Zweiparteiensystems, das die britische Politik seit dem späten 19. Jahrhundert dominierte.

Professor Curtis sagte dazu: „Die Ergebnisse bestätigen, dass die Wahlpolitik in Großbritannien stark fragmentiert ist.“

Die Rechte: Der Kampf ums Erbe

Die wichtigste strukturelle Frage ist der Wettbewerb zwischen Reform UK und den Konservativen um die Wählerschaft des rechten Flügels.

Argumente für Reform UK als neue dominierende Kraft im rechten Spektrum sind das Wahlergebnis von Reform UK von 27 Prozent, das das Ergebnis der Konservativen von 20 Prozent in einer größeren Anzahl von Wählergruppen übertrifft. Reform UK gewinnt sowohl in traditionell konservativen Hochburgen (Süden) als auch in Gebieten, in denen die Konservativen nie dominiert haben (der Arbeiternorden), an Boden.

Farage positioniert die Konservativen erfolgreich als Teil des „überholten Establishments“. Unter den konservativen Wählern von 2024 hat Reform einen signifikanten Anteil für sich gewonnen.

Argumente für die Konservativen als überlebende Kraft: Die Konservativen haben ihre Struktur aus Berater, Organisationen und Finanzierung beibehalten. 20 Prozent sind ein akzeptables Ergebnis für die Opposition zu Beginn des Wahlzyklus. Badenoch ist eine junge Parteichefin mit einer neuen politischen Agenda.

Historisch gesehen neigt die britische Politik dazu, gescheiterte Parteien nach ein oder zwei Wahlzyklen wiederzubeleben (Beispiel: Labour nach 1983).

Das Schicksal des UKIP-Erbes

UKIP, die Vorgängerpartei von Reform UK, stieß aufgrund von Inkonsequenz und der Unfähigkeit, Stimmen in einem Mehrheitswahlsystem in Sitze umzuwandeln, an ihre Grenzen. Reform UK basiert auf einem pragmatischeren Organisationsmodell. Die Schwachstellen sind jedoch dieselben: ein charismatischer Anführer (Farage), eine schwache Parteibasis und ein potenzieller Mangel an Managementkompetenz.

Grüne und Liberale: Die städtische Flanke

Grüne und Liberaldemokraten erzielten zusammen 28 Prozent der Stimmen. Sie konkurrieren nicht direkt miteinander: Die Liberaldemokraten sind stark in den Vororten und ländlichen Wahlkreisen im Süden und Westen, während die Grünen in den urbanen Zentren stark sind. Die Frage, die sich bis 2028 (den nächsten Parlamentswahlen) stellen wird, ist, ob sie sich auf territoriale Abgrenzungen einigen können, um die in einem Mehrheitswahlsystem gefährliche Verschwendung von Stimmen im direkten Vergleich zu vermeiden.

Labour: Existenzkrise oder vorübergehende Schwäche?

Die historischen Präzedenzfälle sind nicht eindeutig. Nach dem Debakel von 1983 erholte sich Labour und kehrte 1997 an die Macht zurück. Von 1979 aus gemessen dauerte es 18 Jahre. Die Situation im Jahr 2026 ist, dass Labour gleichzeitig auf beiden Seiten Wähler verliert (Linke an die Grünen, Arbeiterklasse an Reform UK), was strukturell komplexer ist als jede frühere Krise der Partei. Hinzu kommt Wales, denn dort hat Labour sogar seine Hochburg verloren.

Starmers Führungskrise

Die Frage von Starmers Rücktritt ist nach der Wahl das zentrale innenpolitische Thema. Bis zum 12. Mai 2026 haben mehr als 60 Labour-Abgeordnete öffentlich seinen Rücktritt gefordert, ein Staatssekretär ist mit einer politischen Erklärung zurückgetreten.

Starmer selbst beteuert, er werde „nicht gehen“. Das Kabinett unterstützt ihn öffentlich, David Lammy sagte: „Man wechselt den Piloten nicht im Flug aus“.

Ein Blick auf den Präzedenzfall: Tony Blair überstand die Labour-Niederlage bei den Kommunalwahlen 2000 und regierte weitere sieben Jahre. Der Unterschied liegt im Ausmaß der Niederlage, diese ist unvergleichlich.

Badenoch und die Frage der Konsolidierung der Rechten

Kemi Badenoch behauptet ihre Position. Der Sieg in Westminster und einige weitere Erfolge verschaffen der Partei einen gewissen Puffer. Die wichtigste Frage für die Konservativen ist nicht, ob Badenoch überleben wird, sondern ob die Partei den Zustrom zu Reform UK stoppen kann. Andernfalls könnte sie 2028 eine Partei mit 15 bis 17 Prozent der Stimmen führen.

Wales: Der Machtwechsel

Die Regierungsbildung im Plaid Cymru ist ein politisch bedeutsames Ereignis, das weit über die Lokalpolitik hinausreicht. Das bedeutet eine mögliche Intensivierung der Debatte über mehr Autonomie oder Unabhängigkeit für Wales, was unter Labour ein Randthema war. Plaid entwickelt ein Narrativ des „walisischen Weges“ als Gegenpol zu Westminster und reformorientiertem Populismus.

Schottland: Die Stabilität der Instabilität

Die fünfte Amtszeit der SNP unter einer Minderheitsregierung ist eine zwar fragile, aber dennoch beherrschbare Situation. Ein schottisches Unabhängigkeitsreferendum (Indyref2) wird erneut Teil der Koalitionsverhandlungen sein. Die schottischen Grünen unterstützen als wahrscheinlicher Partner die Unabhängigkeit, wodurch dieses Thema unausweichlich wird.

Historische Analogien

1997 haben die Konservativen Hampshire verloren und massive Niederlagen eingesteckt. Reform UK hat 2026 zurückgeholt, was sie 1997 an Labour verloren hatten.

2000 Labour verlor unter Blair die Kommunalwahlen. Starmer hat nach nur zwei Jahren unverhältnismäßig viel mehr verloren.

2013 erzielte UKIP mit 147 Ratsmitgliedern einen Durchbruch bei den Kommunalwahlen. Reform UK erreichte 2026 1.454 Sitze, also das Zehnfache.

2019 erzielten die Liberaldemokraten und die Grünen im Mai Rekordergebnisse. Das hat sich in gewisser Weise wiederholt, aber Reform UK bringt eine neue Dimension ein.

Die Kommunalwahlen 2022 unter Johnson sind ein Ausgangspunkt für einen Vergleich.

Das beispiellose Jahr 2026

Labour erreicht das schlechteste Kommunalwahlergebnis aller Zeiten.

Plaid Cymrus erster Sieg in Wales nach 100 Jahren Labour.

SNPs fünfter Sieg in Folge, das gab es zum ersten Mal in der britischen Geschichte.

Reform UK kam in einem Wahlzyklus von null auf 14 Gemeinderäte.

Fünf Parteien gleichzeitig haben zweistellige Wahlergebnisse, das gibt es zum ersten Mal.

Schlussfolgerungen und Prognose

Die Wahl vom 7. Mai 2026 markierte keinen vorübergehenden Zusammenbruch der Regierung, sondern einen strukturellen Bruch im britischen Parteiensystem. Das Zweiparteiensystem der Nachkriegszeit gehört endgültig der Vergangenheit an.

Drei Schlüsseltrends werden die Politik bis zu den nächsten Parlamentswahlen 2028 prägen:

Erstens der Kampf um die Arbeiterklasse, also Labour gegen Reform UK um Kleinstädte und Industrieregionen. Ohne die Rückeroberung dieser Wählergruppe wird Labour keine parlamentarische Mehrheit haben.

Zweitens der Kampf um das Mitte-Rechts-Zentrum, also Konservative gegen Reform UK. Ein Modus Vivendi ist unmöglich, denn beide Parteien buhlen um dieselbe rechte Wählerschaft. Eine der beiden wird bis 2028 entweder geschluckt oder an den Rand gedrängt werden.

Drittens die Frage der Grünen und der Liberalen, also ob Grüne und Liberaldemokraten in den urbanen Wahlkreisen einen informellen progressiven Block bilden können, oder ob sie sich gegenseitig Sitze kosten werden.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.


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