Warum die sinkenden Ölreserven den Ölmarkt noch lange destabilisieren werden
Als Reaktion auf die weltweite Energiekrise, die der von den USA und Israel entfesselte Irankrieg mit der Sperrung der Straße von Hormus ausgelöst hat, haben die Staaten des Westens, die über strategische Ölreserven verfügen, beschlossen, einen Teil der Reserven freizugeben, um einen echten Mangel an Ölprodukten zu verhindern. Aus diesem Grund erleben die Staaten Europas, im Gegensatz zu anderen Ländern, noch keine “echte” Energiekrise mit Benzin oder Stromknappheit, auch wenn die Lage beim Kerosin für Flugzeuge sich in Europa bereits verschärft.
Irgendwann wird die Krise am Golf gelöst und die Straße von Hormus wieder freigegeben, aber noch weiß niemand, wann das geschehen wird. Laien glauben, danach werde sich die Lage auf den weltweiten Ölmärkten schnell wieder normalisieren, aber das dürfte eine Illusion sein.
Warum das so ist, hat ein Analyst in einem Artikel für die TASS erklärt, den ich übersetzt habe.
Beginn der Übersetzung:
Die Hormus-Falle: Warum leere Lagerstätten den Ölmarkt sprengen werden
Igor Juschkow, Experte an der Finanzuniversität bei der Regierung der Russischen Föderation und beim Nationalen Energiesicherheitsfonds, über die Gewinner und Verlierer einer anhaltenden Krise auf den Ölmarkten.
Zweieinhalb Monate sind seit Beginn der Blockade der Straße von Hormus vergangen. Auf den ersten Blick scheint sich die Welt allmählich an diese neue Normalität zu gewöhnen, doch in Wirklichkeit hat sich nur der Informationsraum beruhigt, denn die wirtschaftliche Lage verschlechtert sich weiter.
Dabei muss man zwei Schlüsselprozesse betrachten: der Verbrauch der strategischen Ölreserven in den Importländern und das Vorgehen des Hauptprofiteurs, der diese Krise im Nahen Osten inszeniert hat.
Schnelle Rückkehr zur Normalität unmöglich
Am 10. Mai erklärte Amin Nasser, Geschäftsleiter des saudischen Erdölkonzerns Saudi Aramco, dass sich der globale Ölmarkt erst im Jahr 2027 normalisieren werde, falls die Blockade der Schifffahrt in der Straße von Hormus noch mehrere Wochen andauern sollte, denn der Unterwasserteil des sprichwörtlichen Titanic-Eisbergs, auf den die globale Energiewirtschaft zusteuert, wird in der Tat immer massiver. Die Spitze über Wasser, der Ölpreis, bleibt hingegen noch relativ stabil, die Kurse liegen weiterhin bei etwa 100 bis 110 US-Dollar pro Barrel. Der Preis für Öl-Futures schwankt an den Börsen je nach Nachrichtenlage: Er fällt bei Meldungen über die Wiederaufnahme der Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran, und steigt, wenn diese wieder einmal scheitern.
Am 11. März 2026, nur zwei Wochen nach Sperrung der Straße von Hormus, vereinbarten die Mitgliedsländer der Internationalen Energieagentur (IEA), 400 Millionen Barrel Öl aus ihren strategischen Reserven auf den Weltmarkt zu werfen. Davon entfielen 172 Millionen Barrel auf die USA.
Am 13. Mai meldete die US-Energieinformationsbehörde (EIA), dass die Rohölreserven des Landes in der Woche bis zum 8. Mai um 8,605 Millionen Barrel oder mehr als zwei Prozent auf 384,095 Millionen Barrel gesunken sind. Sollte das mit der IEA vereinbarte Programm zur Entnahme von Öl aus den Reserven vollständig umgesetzt werden und die USA alle auf sie entfallenden 172 Millionen Barrel auch wirklich entnehmen, würden ihre Reserven auf ein Rekordtief fallen, vergleichbar mit dem Stand vom August 1982. Und hier gilt es zu bedenken: In den 1980er-Jahren lag der US-Erdölverbrauch deutlich unter dem heutigen Niveau, sodass ein solcher Rückgang der Reserven heute die Energiesicherheit des US-amerikanischen Marktes gefährden würde.
Es sei angemerkt, dass selbst die verbleibenden 384 Millionen Barrel Rohöl in den strategischen Ölreserven der USA heute eine durchaus noch beträchtliche Menge darstellen: Bei einer Entnahmerate von derzeit 8 bis 9 Millionen Barrel pro Woche könnten die USA lange lange mit ihrem Erdöl hinkommen. Dazu könnte Washington parallel mit dem Verbrauch dieser Reserven auch seine Importe problemlos ein Stück weit erhöhen, denn die finanziellen Mittel erlauben das. Gleichzeitig würden steigende Weltmarktpreise aufgrund der Verknappung auch Unternehmen in den USA selbst dazu anregen, die heimische Förderung zu steigern.
Doch der wichtigste Schritt beim Lösen des Problems muss ein Kompromiss mit dem Iran sein: ein vollständiges Ende des Konflikts und die Öffnung der Straße von Hormus. Das liegt aber eben eindeutig nicht im Interesse aller.
Es wird teuer
Die europäischen Länder, Japan und Südkorea verzögern den Ausbruch einer ausgewachsenen Energiekrise für ihre Volkswirtschaften derzeit nur. Jetzt sind ihre strategischen Vorratslager für Erdöl und Erdölprodukte noch nicht vollständig erschöpft, und ihre Mittel erlauben es ihnen, Öl am Markt zu kaufen. Aber die Ressourcen gehen zu Ende: In diesen Importländern braut sich mit dem Verbrauch ihrer Reserven eine gewaltige Verknappung zusammen, die in der Zukunft unweigerlich zu einem Nachfragesprung führen wird, denn nach der Öffnung der Straße von Hormus wird Erdöl sowohl für den laufenden Verbrauch als auch zur Auffüllung der erschöpften Reserven benötigt werden. Dieser Faktor wird die Weltmarktpreise mit hochhalten.
Genau das sagte ja auch der Direktor von Saudi Aramco.
Normalerweise produziert die Welt etwa so viel Erdöl, wie sie in jedem laufenden Moment verbraucht. Derzeit aber ist dieses Gleichgewicht durch das Zurückfahren der Förderung in den Golfstaaten gestört, denn wegen der Schließung der Straße von Hormus kommt ihr Öl schlichtweg nicht aus dem Golf.
Später wird sich das Blatt wenden. Die Ölproduktion wird den aktuellen Verbrauch übersteigen, obwohl die Importe weiterhin hoch bleiben. Die importierenden Länder werden weiterhin zu viel bezahlen, um so lange so viel Rohöl wie möglich aufzukaufen, bis ihre erschöpften Vorräte wieder aufgefüllt sind.
Dabei beurteilt jedes Land die Angemessenheit seiner Reserven anhand der Zukunftsvisionen seiner „Eliten“ in Bezug auf die globale Energieversorgung. Diejenigen, die an die Energiewende und eine rasante Entwicklung der Elektromobilität glauben, könnten die Menge an Erdöl in den strategischen Reserven des Landes begrenzen, denn warum soll man dann so viel kaufen, insbesondere wenn der Preis hoch bleibt?
Doch jene Länder, für die Energiesicherheit um jeden Preis höchste Priorität hat, werden den entgegengesetzten Weg einschlagen. Sie werden massiv mit dem Aufbau von Reserven beginnen, und ihre neuen Reserven werden das Niveau vor der Blockade der Straße von Hormus voraussichtlich weit, weit übersteigen. Schließlich hat die aktuelle Lage die Vorteile großer Ölreserven für Nettoimporteure überdeutlich gemacht.
Meiner Meinung nach wird Europa den ersten Weg einschlagen. Die EU hat sich bereits klar zum Green Deal bekannt, der einen vollständigen Ausstieg aus der Nutzung fossiler Brennstoffe bis zum Jahr 2050 vorsieht. Diese Strategie führt Brüssel jedoch in eine Sackgasse, denn eine Weigerung, die Reserven wegen einer trügerischen „grünen“ Zukunft aufzufüllen, wird mindestens kurzfristig unweigerlich zu einer neuen Welle schwerer Energiekrisen führen.
China beispielsweise ist, im Gegenteil, von der Richtigkeit seiner Strategie der Reservenmaximierung überzeugt. Es verfügt mittlerweile über den weltweit größten Park an Öllagern. Dem US-Energieministerium zufolge wird China bis Februar 2026 über phänomenale 1,4 Milliarden Barrel in kommerziellen und staatlichen Lagereinrichtungen verfügen. Das übersteigt die strategischen Ölreserven der USA, Japans und aller europäischen Länder zusammen.
Peking ist sich bewusst, dass Washington in Zukunft versuchen könnte, eine „Ressourcenknappheit“ über die Chinesen hereinbrechen zu lassen. Schließlich hatte ja auch der aktuelle Konflikt im Iran ein ölbezogenes Motiv: Die USA wollten ganz offensichtlich die Lieferungen von iranischem Öl nach China zu Vorzugspreisen unterbinden.
Wer profitiert
Ich will auch darauf hinweisen, dass die Öllieferungen durch den Panamakanal aufgrund der Blockade der Schifffahrtswege im Nahen Osten sprunghaft um 74 Prozent im Vergleich zum Durchschnitt des Jahres 2025 angestiegen sind. Dieser Transportkorridor ist jetzt zur wichtigsten Lebensader für Asien geworden. Tatsächlich haben die USA, die den Panamakanal kontrollieren, diese Krise dafür künstlich herbeigeführt, um die durch sie entstandene Lücke zu füllen: Indem sie die Versorgungswege aus dem Persischen Golf kappten, haben sie ihre Verbündeten – Japan, Südkorea und Taiwan – als Geiseln genommen.
Doch somit profitieren alle Öl- und Gasproduzenten von der anhaltenden Energiekrise. Diejenigen, die nichtim heute abgesperrten Persischen Golf ansässig sind, profitieren schon jetzt, denn sie exportieren die gleichen Ölmengen, jedoch zu höheren Preisen.
Die Länder des Nahen Ostens werden zwar später ebenfalls garantiert Gewinne einfahren, aber später, erst wenn die Straße von Hormus wieder uneingeschränkt für die Schifffahrt freigegeben ist und sich die Erdöl-Nettoimporteure weltweit daranmachen, ihre leeren Lager wieder aufzufüllen. Und je länger die Straße von Hormus jetzt geschlossen bleibt, desto länger wird später die Phase der Marktstabilisierung andauern.
Washington hat unterdessen die Energiesicherheit Europas, Japans und Südkoreas durch das Entfesseln der geopolitischen Konfrontation mit dem Iran aus wahltaktischen Gründen und zur Durchsetzung von Sanktionen gefährdet. US-amerikanische Produzenten erzielen nun Übergewinne durch die Lieferung von teurem Flüssigerdgas und Schieferöl, während die Volkswirtschaften ihrer wichtigsten Partner angesichts der drohenden Verknappung rasch ihre letzten Reserven aufbrauchen.
Ende der Übersetzung
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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