Bereits im März hat die Polnische Bischofskonferenz einen Hirtenbrief veröffentlicht, der den Kampf gegen Antisemitismus in den Fokus rückt. Anlass war der 40. Jahrestag des historischen Besuchs von Papst Johannes Paul II. in der Großen Synagoge von Rom im April 1986. Die Bischöfe zitieren in ihrem Brief an die polnischen Gläubigen den Ersten Johannesbrief („Wer nicht liebt, bleibt im Tod“) und bezeichnen Antisemitismus sowie Gleichgültigkeit gegenüber dem jüdischen Volk als Form des geistlichen Todes: „Antisemitismus ist eine Sünde und Ausdruck eines Mangels an Liebe, der dazu führt, dass der Mensch im Tod verharrt.“
Der Brief unterstreicht zudem die Lehre, dass Gott den Bund mit dem Volk Israel nie widerrufen hat: „Israel bleibt weiterhin das auserwählte Volk“, so die polnischen Bischöfe. Polens Gläubige wurden explizit dazu aufgerufen, Synagogen zu besuchen und auch das Gespräch mit jüdischen Mitbürgern zu suchen.
Die Reaktionen auf den Hirtenbrief in der polnischen Gesellschaft und auch innerhalb der Kirche sind zum Teil heftig ausgefallen. So weigerten sich einige Priester, vor allem im ländlichen Raum, den Brief zu verlesen. Diese Geistlichen argumentierten, die Bischofskonferenz habe keine offizielle Anordnung, sondern lediglich eine Empfehlung zum Verlesen des Briefes gegeben. Nationalkonservative Kreise und Medienvertreter bezeichneten den Bischofsbrief ganz offen als bewussten Akt des Abfalls vom Glauben oder als Verwässerung katholischer Lehre zugunsten des Judentums.
Priester verweigerten die Verlesung
Der Professor der Päpstlichen Johannes-Paul-II.-Universität in Krakau, Dariusz Oko, warf der Kirchenhierarchie in einem viel beachteten Artikel für die rechtskonservative Wochenzeitschrift „Do Rzeczy“ und begleitenden Äußerungen vor, einer „Manipulation“ erlegen zu sein und das polnische Volk ungerechtfertigt zu beschuldigen: „Warum werden Polen des Antisemitismus beschuldigt, während Juden als unbefleckte Übermenschen dargestellt werden?“ Der Professor für Kulturphilosophie erhob im Zusammenhang mit dem Bischofsbrief sogar den Vorwurf: „Das ist ein Verbrechen an der Kirche und an Polen.“
Zeitlich fielen diese Äußerungen mit dem Besuch des Erzbischofs von Krakau, Kardinal Grzegorz Ryś, in der Krakauer Synagoge zusammen, was die Spannungen zwischen dem liberalen Flügel der polnischen Kirche und konservativen Kreisen um Oko weiter verschärfte. Ryś gilt als die zentrale Figur und der wesentliche Initiator hinter dem Hirtenbrief der Polnischen Bischofskonferenz gegen Antisemitismus vom März.
Auch der Jesuit Grzegorz Kramer hat sich sehr deutlich zugunsten des Hirtenbriefs positioniert und dabei die heftigen Reaktionen in den sozialen Netzwerken kommentiert: „Ich lebe seit fast 50 Jahren und habe in meinem Leben noch nie so viele negative Kommentare zu einem Brief der Bischöfe gehört.“ Aus Sicht Kramers hat der Brief bei vielen Menschen genau das Problem ans Licht gebracht, das er eigentlich bekämpfen wollte: „Das Wort ‚Juden‘ hat in einigen das geweckt, was schon immer in ihnen schlummerte und was einer der wichtigen Aspekte dieses Briefes ist, nämlich: Antisemitismus.“
Kramer gilt als eine der wichtigsten liberalen Stimmen innerhalb des Klerus, die den Brief verteidigten. Er betonte, dass der Brief eine notwendige „Gewissenserforschung“ für die polnische Kirche darstelle und dass die aggressive Ablehnung zeige, wie notwendig die klare Kante der Bischöfe gegen Judenfeindlichkeit tatsächlich sei. Aufgrund seiner hohen Reichweite in sozialen Medien wird Kramer in Polen mitunter als „katholischer Influencer“ bezeichnet.
Vergleich mit den Kommunisten
Die Jan-Karski-Gesellschaft stellte sich ebenfalls mit einer sehr deutlichen Stellungnahme hinter den Hirtenbrief und insbesondere hinter dessen Hauptinitiator Ryś. In einer besonders scharfen Passage verglich die Gesellschaft die aktuelle Protestwelle gegen den Brief mit der Kampagne der kommunistischen Behörden im Jahr 1965 gegen den berühmten Versöhnungsbrief der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtskollegen „Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung.“
Ebenfalls heftige Diskussionen hat Ryś‘ Vorgänger als Erzbischof von Krakau, Marek Jędraszewski, mit einer Predigt am 12. April 2026 ausgelöst. Obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits offiziell im Ruhestand (Emeritus), nutzte Jędraszewski seine verbliebene öffentliche Präsenz in Krakau, um einen kirchenpolitischen Großangriff gegen die Tusk-Regierung zu führen. Anlass ist die Bildungsreform „Reforma 26″, die Streichungen in den Lehrplänen für Polnisch, Geschichte und im Religionsunterricht vorsieht.
Jędraszewski interpretierte die Kürzungen als Versuch, die religiös-nationale Identität Polens planmäßig auszulöschen. Er stellte die Änderungen am Lehrplan sogar in eine Reihe mit den Methoden Adolf Hitlers. Er sprach davon, dass man aus der Jugend „dasselbe machen wolle, was Hitler wollte“. Der Tusk-Regierung warf der polnische Geistliche vor: „Man will aus der polnischen Jugend eine willenlose Masse machen, die nur noch darauf vorbereitet ist, auf deutschen Spargelfeldern zu arbeiten.“
Einige Kommentatoren sehen die Schlagzeilen machende Predigt Jędraszewskis als bewussten Kontrapunkt zum Kurs seines Nachfolgers Ryś. Von diesem erwartet der Vatikan offenbar, dass unter ihm die „Krakauer Kirche vom Dunkel ins Licht“ schreiten möge, so im März der eigens aus Rom angereiste vatikanische Synoden-Generalsekretär Kardinal Mario Grech bei einem Gottesdienst in der Wawel-Kathedrale.