Ganze Straßenzüge, die heute wieder das Stadtbild von Brandenburgs Landeshauptstadt prägen, waren Anfang der 1990er Jahre baulich so verfallen, dass ihnen der Abriss drohte. Ähnlich wie beim Holländischen Viertel in der preußischen Residenzstadt gelang allerdings in vielen Städten der Mark die Rettung historischer Bausubstanz: In Brandenburg an der Havel wurden der Neustädtische Markt und die Dominsel saniert, ebenso der historische Stadtkern Neuruppins mit seinen Bauten aus der Schinkel-Ära.
Anlässlich einer Ausstellungseröffnung zu den Erfolgen der Stadtsanierungen in Brandenburg erinnerte Kulturministerin Manja Schüle (SPD) jetzt an die Ausgangslage nach dem Ende der DDR: „Vor 35 Jahren waren viele unserer Altstädte dem Verfall preisgegeben: Fenster vernagelt, Fassaden bröckelig, ganze Straßenzüge kurz vor dem Aus. Und dann haben Menschen gesagt: Nicht mit uns. Nicht mit unserer Stadt.“ Auch die Potsdamer Kunsthistorikerin Saskia Hüneke betonte, wie wichtig das Engagement der Bürger war: „Seit den 90er Jahren haben wir in Potsdam leidenschaftlich um jedes Haus, den Schutz der Kulturlandschaft und um die Zukunft der Mitte gerungen. Vieles, was heute selbstverständlich wirkt, musste erst erstritten und gemeinsam entwickelt werden.“
Das traurige Ende von Gentzrode
Seit 1991 wurden insgesamt 4,1 Milliarden Euro an Fördermitteln in 401 Städte und Gemeinden der Mark Brandenburg investiert. Laut Landesregierung sind heute viele Stadtzentren zu über 90 Prozent saniert. Trotz schwieriger Haushaltslage hat der Bund angekündigt, die Mittel für die Städtebauförderung noch aufzustocken. In Brandenburg lag die Förderung vergangenes Jahr bei rund 38 Millionen Euro – bis 2029 soll sie auf 80 Millionen jährlich steigen. Land und Kommunen müssen zur Bundesförderung indes Eigenanteile beisteuern. Ob sie dies angesichts wachsender Haushaltsdefizite immer stemmen können, bleibt abzuwarten.
Im ländlichen Brandenburg zeigt sich jedoch, dass für einen Teil der historischen Gebäude die Bemühungen zu spät kommen. Das denkmalgeschützte Gut Gentzrode bei Neuruppin gilt als eines der traurigsten Beispiele für den Verfall. Das Gut im maurisch-orientalischen Stil stellt ein herausragendes Zeugnis brandenburgischer Architekturgeschichte dar. Theodor Fontane hatte das märchenhafte Schloss und den im Lenné-Stil gestalteten Park 1863 für die zweite Auflage seiner „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ besucht und notierte beeindruckt: „Es ist wie eine Oase, die der menschliche Wille der Sandwüste abgetrotzt hat.“
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs übernahm die Rote Armee das Gelände. Nach dem Abzug der Sowjets Anfang der 90er galt der Zustand des Ensembles noch als verhältnismäßig gut. 1996 war sogar noch der Gutspark zum Teil erhalten. Weitgehend ungenutzt schritt dann aber die Zerstörung von Gut Gentzrode durch blinde Zerstörungswut, Diebstahl und Witterung massiv voran. Wechselnde private Eigentümer und engagierte Rettungsversuche durch Fördervereine konnten den Verfall nicht verhindern. Heute sind die Gebäude nur noch Ruinen und stehen als Beispiel, wie schwierig sich die Bewahrung des kulturellen Erbes im ländlichen Raum gestalten kann. Erste Sicherungen mit Notdächern sind erst im Jahr 2022 angelaufen.
Nach 1990 haben Hunderte Gutshäuser in der Mark Brandenburg ihre Funktion als soziale Zentren der Dörfer verloren. Da oft auch noch die Eigentumsverhältnisse ungeklärt blieben und die Bauten nach Jahren der zweckfremden Nutzung, zum Beispiel als Dorfladen, Post oder Gemeindeverwaltung, bereits sanierungsbedürftig waren, schritt der Verfall vieler Objekte schnell voran.
Nutzung oft schwierig
Viele Eigentümer, die durch die Bodenreform in der Sowjetzone in den Nachkriegsjahren enteignet wurden, mussten mitunter jahrzehntelang um ihre Rückübertragung kämpfen. Notwendige Sanierungen blieben derweil zwangsläufig auf der Strecke. Viele historische Gebäude im ländlichen Raum liegen obendrein fernab von touristischen Zentren wie Potsdam. Dies macht eine wirtschaftliche Nutzung, etwa als Hotel oder Wohnhaus, schwierig. Wie viele historische Guts- und Herrenhäuser unrettbar verloren sind, lässt sich nicht genau beziffern: Sofern kein Denkmalschutz vorlag, sind viele nicht erfasst.
Ein besonders trübes Kapitel bilden Fälle, in denen „Investoren“ märkische Schlösser und Herrenhäuser gekauft und diese dann aber nicht saniert, sondern regelrecht ausgeschlachtet haben, um historische Kamine, Parkettböden, Stuckelemente oder Dachziegel auf dem lukrativen Markt für antike Baustoffe zu verkaufen. Falls der Status eines Denkmalschutzes vorliegt, verstoßen solche Praktiken gegen das Brandenburgische Denkmalschutzgesetz. Eigentümer sind zur Erhaltung verpflichtet. Wenn solch ein Gebäude gezielt entkernt wird, um Baustoffe zu verkaufen, können Behörden Sicherungsanordnungen erlassen oder im Extremfall sogar eine Enteignung einleiten; rechtlich sind die Hürden jedoch hoch.