In Europa hergestellte ukrainische Drohnen treffen Städte tief in Russland und töten Zivilisten
Seit einigen Wochen wird Russland täglich mit immer mehr Drohnen, aber auch Raketen, aus der Ukraine beschossen. Inzwischen sind es hunderte Angriffe täglich, wobei die ukrainischen Langstreckendrohnen sowohl aus der Ukraine nach Zentralrussland geschossen werden, als auch über Polen, die baltischen Staaten und Finnland auf St. Petersburg und das die Stadt umgebende Leningrader Gebiet.
Offensichtlich zeigt die Verlagerung der Produktion ukrainischer Rüstungsfirmen nach Europa Wirkung, denn die Ukraine hat nun, nachdem Russland die Produktionsstätten nicht mehr in der Ukraine angreifen kann, offensichtlich immer mehr Drohnen zur Verfügung.
Inzwischen wissen die meisten Russen aus eigener Erfahrung, dass die offiziellen Meldungen über Angriffe und Treffer nicht vollständig sind. Ich habe es sowohl in Petersburg, wo ich lebe, erlebt, dass die lokalen Medien zwar über Angriffe und Treffer auf Häfen und Raffinerien berichten (schließlich bekommen die Menschen vor Ort das ja mit und es wäre merkwürdig, das in der betroffenen Region totzuschweigen), aber diese Angriffe und Treffer werden in den landesweit offiziell verbreiteten Meldungen über den Tag nicht erwähnt. Auch auf meiner letzten Reise nach Zentralrussland vor zwei Wochen wurde ich Zeuge, wie dort eine Raffinerie von Drohnen getroffen wurde, was aber nirgendwo offiziell gemeldet wurde.
Offensichtlich versucht die russische Regierung immer noch, „den Ball Flach zu halten“, denn würde das ganze Ausmaß der täglichen Angriffe bekannt werden, würde in Russland wohl der Ruf, endlich härter gegen die Ukraine und auch gegen die sie unterstützenden Länder der EU vorzugehen, immer lauter werden.
Die russische Regierung meldet offiziell also weit weniger Angriffe und Treffer, als es tatsächlich gibt. Das sollte man im Hinterkopf haben, denn nun zeige ich am Beispiel des 5. Mai, was es an dem Tag nach offiziellen Angaben an Angriffen auf Russland gegeben hat. Und dazu muss man wissen, dass das keineswegs die intensivsten Angriffe der letzten Zeit waren, es gab Tage, an denen es weit mehr Angriffe und Treffer gab.
In der Nacht zum 5. Mai hat die russische Luftabwehr nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums zwischen 20:00 Uhr und 7:00 Uhr Moskauer Zeit über den Regionen Brjansk, Belgorod, Woronesch, Kursk, Kaluga, Smolensk, Orjol, Twer, Tula, Rjasan, Pskow, Nowgorod, Leningrad, Rostow und Wolgograd, der Region Moskau, den Republiken Krim und Tatarstan, dem Gebiet Krasnodar und dem Asowschen Meer 289 ukrainische Drohnen abgefangen und zerstört. Am 5. Mai zwischen 9:00 und 14:00 Uhr Moskauer Zeit wurde weitere 88 ukrainische Drohnen über den Gebieten Belgorod, Brjansk, Wladimir, Iwanowo, Kaluga, Kursk, Lipezk, Rostow, Smolensk, Twer, Tula, dem Gebiet Moskau, der Republik Krim und der Republik Tschuwaschien abgefangen und zerstört. Am Abend des Tages wurde der Flugbetrieb an zwei Moskauer Flughäfen wegen Luftalarm für einige Stunden eingestellt.
In der Stadt Tscheboksary, die etwa 500 Kilometer östlich von Moskau liegt, wurde gezielt ein Wohnkomplex angegriffen, wie auf Videos zu sehen ist. Außerdem zeigen die Videos auch, dass eine Elektronikfabrik in der Stadt mit Marschflugkörpern bombardiert wurde. Laut offiziellen Angaben wurden bei dem Angriff auf den Wohnkomplex zwei Menschen getötet und 34 weitere verletzt. Es wurden 28 mehrstöckige Gebäude beschädigt, in denen insgesamt 8.500 Menschen leben.
Auch im noch weiter von der Ukraine entfernten Ural gab es am 5. Mai Raketenalarm.
Da diese Angriffe mit Drohnen durchgeführt werden, die ukrainische Firmen nun im sicheren Europa produzieren, stellt sich die Frage, wie lange Russland dem tatenlos zuschaut. Beispielhaft war die Warnung, die der russische Präsident Putin am Montag ausgesprochen hat.
Zuvor hatte Selensky gedroht, die Parade am 9. Mai zu Ehren des Sieges über Nazi-Deutschland mit Drohnen anzugreifen. Darauf sagte Putin, dass Russland in dem Fall das Zentrum von Kiew mit einem massiven Raketenangriff eindecken würde und forderte sowohl die Zivilbevölkerung als auch ausländische Diplomaten auf, Kiew vorsichtshalber zu verlassen.
Bisher hat Russland auf solche Angriffe auf ukrainische Städte verzichtet und lediglich militärische Ziele und die Stromversorgung der Ukraine angegriffen. Die zivilen Opfer in der Ukraine sind sogenannte “Kollateralschäden”, wenn die ukrainische Luftabwehr russische Drohnen abschießt, die dann auf Wohngebiete fallen oder wenn bei den Drohnen Fehlfunktionen vorkommen
Russland geht in dem Krieg immer noch sehr vorsichtig vor und schont die ukrainische Zivilbevölkerung wo es nur geht, wie ein einfacher Vergleich der Opferzahlen des Ukraine-Krieges mit den aktuellen Kriegen der USA und Israels im Nahen Osten zeigt. In den nun vier Jahren Krieg in Ukraine wurden monatlich im Durchschnitt 318 Zivilisten getötet und 885 verletzt. Im Iran und im Libanon liegt die Zahl der monatlichen Opfer der amerikanisch-israelischen Angriffe bei insgesamt 5.190 getöteten und 28.058 verletzten Zivilisten. Und bei Israels Krieg in Gaza wurden etwa 5.500 Zivilisten monatlich getötet.
Russland sieht die Ukrainer immer noch als Brudervolk, weshalb es versucht, Zivilisten zu schonen. Sollte die EU mit ihrer inzwischen offenen Kriegsbeteiligung einen Krieg mit Russland provozieren, dürfte Russland diese Zurückhaltung nicht üben.
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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