Wie wichtig ist der Abzug der 5.000 US-Soldaten aus Deutschland für die NATO?
Medial ist die Ankündigung von US-Präsident Trump, 5.000 US-Soldaten aus Deutschland abzuziehen, eingeschlagen wie eine Bombe. Der polnische Ministerpräsident Tusk sagte dazu, der „Zerfall der NATO“ gehe weiter, während der deutsche Verteidigungsminister erklärte, das sei erwartbar gewesen und nicht dramatisch. Aber was bedeutet die Ankündigung wirklich? Ist sie militärisch wichtig? Und könnte Trump überhaupt alle US-Truppen aus Europa abziehen, wenn er es denn wollte?
Trump sind die Hände gebunden
Um es gleich vorweg zu sagen. Trump kann nur eine sehr begrenzte Zahl von US-Soldaten aus Europa abziehen. Der National Defense Authorization Act (NDAA) für 2026, ein US-Gesetz, das die militärischen Fragen der USA regelt, hat festgelegt, dass Trump die Zahl der US-Soldaten in Europa ohne Zustimmung des Kongresses nicht unter die Zahl von 76.000 reduzieren darf. Das Gesetz hat das US-Parlament passiert und soll demnächst von Trump unterschrieben werden.
Die USA haben derzeit etwa 85.000 Soldaten in Europa stationiert, wenn man die im Mittelmeer stationierte US-Flotte mitzählt. Das bedeutet, dass Trump insgesamt nur 9.000 Soldaten aus Europa abziehen darf. Wenn er alleine aus Deutschland 5.000 abziehen will, bleiben für andere Länder wie Spanien und Italien, auf die Trump auch sauer ist, nur noch 4.000 US-Soldaten, die er abziehen kann.
Eine weitere Möglichkeit wäre es für Trump, die Soldaten beispielsweise aus Spanien abzuziehen, aber in anderen europäischen Ländern zu stationieren. Vor allem Polen bettelt bekanntlich geradezu um die Stationierung weiterer US-Soldaten und in Rumänien wird demnächst die größte NATO-Basis der Geschichte fertiggestellt. Übrigens ist auch noch nicht wirklich klar, ob die 5.000 Soldaten, die Trump aus Deutschland abziehen will, auch wirklich in die USA zurückgeschickt, oder auf andere europäische Länder verteilt werden.
Wir können also schon mal festhalten, dass Trump nicht allzu viele Soldaten aus Europa abziehen kann, ohne das US-Parlament um Erlaubnis bitten zu müssen.
Wie wichtig sind die 5.000 Soldaten?
Die 5.000 US-Soldaten aus Deutschland abzuziehen, ist in jedem Falle eine rein symbolische Maßnahme. Militärisch gesehen ist es unwichtig, ob in Deutschland 5.000 US-Soldaten mehr oder weniger stationiert sind, denn im Falle eines großen Krieges würden wenige Flugzeuge reichen, um die 5.000 Soldaten innerhalb von Stunden aus den USA zurück nach Deutschland zu bringen.
Daher haben all diejenigen durchaus Recht, die derzeit erklären, das sei eine rein symbolische Maßnahme.
Allerdings hat auch Tusk nicht Unrecht, wenn er davon spricht, die aktuellen Entscheidungen der USA würden zeigen, dass der der „Zerfall der NATO“ weitergehe. Allerdings ist das Problem ein anderes.
Das Problem mit den Raketen
2024 haben die USA und Deutschland erklärt, die USA würden ab 2026 wieder Mittelstreckenraketen in Deutschland stationieren. Dabei ging es um Tomahawk-Marschflugkörper und SM-6-Raketen mit einer Reichweite von über 2.000 Kilometern. Und es ging um die Dark Eagle, die Hyperschallrakete, die die USA derzeit entwickeln.
Diese Entscheidung hat Trump nun zurückgezogen, was vor allem daran liegt, dass die USA im Krieg gegen den Iran etwa ein Viertel ihrer Tomahawks verschossen haben und erst einmal wieder ihre eigenen Arsenale füllen müssen, bevor sie welche nach Europa schicken. Und da die USA offiziell erklären, sie würden sich nun um die Eindämmung Chinas kümmern, während die Europäer sich weitgehend ohne die USA um die Eindämmung Russlands kümmern sollen, dürften die USA ihre Tomahawks zuerst nach Asien schicken, bevor sie welche in Deutschland aufstellen.
Da die Europäer keine eigenen Mittelstreckenraketen oder Marschflugkörper haben, ist dieser Schritt für die Europäer wesentlich schmerzlicher als der Abzug der 5.000 US-Soldaten. Die Financial Times beispielsweise schreibt, Europa sei nach der US-Entscheidung, die Raketen nicht in Europa zu stationieren, ungeschützt.
Die Europäer haben mit der deutsch-schwedischen Taurus oder der britisch-französischen Storm Shadow/SCALP nur Marschflugkörper mit etwa 500 Kilometern Reichweite. Die Entwicklung europäischer Mittelstreckenraketen mit mehr Reichweite ist zwar geplant, sie dürften aber erst irgendwann in den 2030er Jahren zur Verfügung stehen.
Was bedeutet das für die NATO?
Dass die USA sich unter Trump faktisch aus der NATO zurückziehen, ist längst keine russische Propaganda mehr, sondern wird auch in Europa inzwischen offen eingestanden. Von daher ist die NATO schon gespalten und schwer angeschlagen. Der Abzug von 5.000 US-Soldaten aus Deutschland hat daher eher eine politische als eine militärische Dimension, weil er in einer Situation, in der die Europäer einen Krieg gegen Russland provozieren, ein weiteres Signal sendet, dass Europa für die USA keine Priorität mehr hat.
Entsprechend versucht die NATO in ihren Erklärungen, die Bedeutung der US-Entscheidungen herunterzuspielen, denn keine Organisation gibt es gerne zu, wenn sie an Macht und Einfluss verliert – und die NATO ist dabei keine Ausnahme.
Dass die USA die NATO verlassen, ist hingegen ziemlich unwahrscheinlich, denn die NATO ist die wichtigste Garantie für die US-Rüstungsindustrie auf Milliardenaufträge aus Europa. Und sie bleibt ein wichtiges Instrument der USA zur Beeinflussung der europäischen Politik. Dass Trump dieses wichtige Instrument einfach auf den Müllhaufen der Geschichte wirft, ist unwahrscheinlich, zumal er auch für einen NATO-Austritt die Zustimmung des US-Kongresses bräuchte.
Die NATO ist definitiv nicht mehr das, was sie mal war, aber tot ist sie auch noch nicht. Das wichtigste Problem der NATO ist übrigens nicht neu, denn die Frage war schon im Kalten Krieg, ob die USA wirklich bereit sind, Washington für Paris oder New York für London zu opfern.
Allerdings haben die USA derzeit fast 90.000 Soldaten in Europa stationiert, die sie selbst dann nicht über Nacht aus Europa abziehen könnten, wenn sie sich aus einem Krieg zwischen Russland und den EU-Staaten heraushalten wollten. Für die Europäer, die alles tun, um einen Krieg mit Russland zu provozieren, ist es daher entscheidend, dass so ein Krieg beginnen möge, solange möglichst viele US-Truppen in Europa sind, um die USA in den Krieg hineinzuziehen.
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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