Schon seit Monaten finden zahlreiche Veranstaltungen zur Gründung der „Kalinin-gradskaja Oblast“ vor 80 Jahren statt, die mit der Feier am 4. Juli anlässlich der Umbenennung Königsbergs in Kaliningrad ihren Höhepunkt fanden. Der Jahrestag wurde mit mehrtägigen Feierlichkeiten begangen. Das offizielle Motto einer zentralen Veranstaltung lautete „Kaliningrad – eine Stadt, geboren aus dem Sieg“. Der 4. Juli begann mit einer Gedenkzeremonie am Mahnmal für die 1.200 Soldaten der 11. Gardearmee, die beim Sturm auf Königsberg 1945 gefallen waren. Anschließend fanden in verschiedenen Stadtteilen Konzerte, Sportveranstaltungen und Familienfeste statt.
Diese Verbindung zwischen Stadtjubiläum und militärischem Sieg ist für den Umgang mit der deutschen Vergangenheit besonders aufschlussreich. Britische Luftangriffe zerstörten 1944 große Teile der historischen Innenstadt. Im April 1945 eroberte die Rote Armee die Stadt. Nach dem Krieg wurde der nördliche Teil Ostpreußens der Sowjetunion zugesprochen. Am 4. Juli 1946 erhielt Königsberg schließlich den Namen Kaliningrad – nach dem sowjetischen Politiker Michail Kalinin, der für unzählige Exekutionen Kriegsgefangener und Intellektueller verantwortlich war. Die deutsche Bevölkerung wurde in den folgenden Jahren vertrieben, während sowjetische Bewohner angesiedelt wurden. Damit war die Umbenennung Teil einer grundlegenden politischen, demografischen und kulturellen Neuordnung des Gebietes.
Eine Parallele zur Gegenwart
Das Jahr 2026 macht diese Geschichte besonders interessant, weil sich darin eine Parallele zur Gegenwart erkennen lässt: Auch „Kaliningrad“ ist ursprünglich das Ergebnis eines Krieges und einer gewaltsamen Neuordnung Europas. Das bedeutet allerdings nicht, dass der Zweite Weltkrieg und der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine historisch gleichgesetzt werden können. Auch in Königsberg wird heute eine Erinnerungskultur sichtbar, in der der militärische Sieg von 1945 eine zentrale Rolle spielt. Genau diese Vorstellung vom „Sieg“ hat im heutigen Russland durch den Krieg gegen die Ukraine eine zusätzliche politische Bedeutung erhalten.
Teilnehmer der „Spezialoperation“ im Rahmen des Jahrestages geehrt
Das zeigt sich im offiziellen Programm zum 80. Jahrestag. Neben den Veranstaltungen zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs gab es eine patriotische Aktion in einem Krankenhaus des russischen Verteidigungsministeriums. Familien von Teilnehmern der sogenannten Spezialoperation wurden bei den Jubiläumsveranstaltungen ausdrücklich geehrt. Der Krieg gegen die Ukraine war damit zwar nicht das eigentliche Thema des 80. Jahrestages, wurde aber in die patriotische Inszenierung des Jubiläums integriert.
Noch deutlicher wird die Verbindung, wenn man die Entwicklung Königsbergs seit dem Ende der Sowjetunion betrachtet. In den 1990er- und frühen 2000er-Jahren wurde die Exklave als möglicher „Brückenkopf“ zwischen Russland und Europa verstanden. Die deutsche und preußische Vergangenheit wurde stärker erforscht und touristisch genutzt. Der Wiederaufbau des Königsberger Doms wurde durch deutsche Unterstützung ermöglicht. Zeitweise gab es sogar Überlegungen, die Stadt nach Immanuel Kant „Kantgrad“ zu nennen.
Diese Phase einer stärkeren europäischen Orientierung endete zunehmend nach der russischen Annexion der Krim 2014. Seitdem hat sich Königsberg immer stärker zu einer militärisch geprägten russischen Exklave entwickelt. Der Krieg gegen die Ukraine hat diese Entwicklung verstärkt. Deutsche Medien beschrieben Königsberg im Zusammenhang mit dem 80. Jahrestag als eine Stadt, die sich von einer möglichen „Brücke“ zwischen Russland und Europa wieder zu einem „Vorposten“ bzw. einer „Festung“ entwickelt habe.
Die zentrale Gedenkveranstaltung fand am Mahnmal für die sowjetischen Soldaten statt. Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, welche Teile der Vergangenheit im heutigen offiziellen Königsberg besonders erinnerungswürdig erscheinen. Der 80. Jahrestag war somit weniger eine Rückbesinnung auf das „alte Königsberg“ als eine Feier des heutigen russischen Kaliningrads. Gleichzeitig machte gerade das Jubiläum sichtbar, wie stark die Stadt noch immer von ihrer deutschen Vergangenheit geprägt ist.
Der Königsberger Dom, das Grab Kants und die wenigen erhaltenen Spuren der alten Stadt erinnern an eine Geschichte, die durch Krieg und politische Neuordnung nicht vollständig verschwunden ist.